Too Rococo

By Marcus on 8. Juli 2014 — 2 mins read

Lese in dem hier vor einiger Zeit schon mal geposteten Gamification-Reader rum. Nach elenden Versuchen das PDF irgendwie ohne Internet von einem Macbook auf ein iPad zu kriegen dessen Akku nahezu leer ist während das Aufladekabel einen Wackelkontakt hat und die Internetverbindung (die dann doch notwendig ist, weil Bluetooth nicht geht) über das iPhone mehr als fürchterlich ist und das Internet in einem Zug natürlich sowieso nie geht, wünsche ich mir einen handgehefteten Ausdruck, den ich mit einem streng gespitzten Bleistift in der Hand durchblättern kann.

Bildschirmfoto 2014-07-08 um 21.38.51

Akademische Sammelbände. Auch so Pralinenschachteln. Man weiß nie genau was man bekommt, blättert rum, fällt auf Titel und Ankündigung rein (irgendwas mit Pistazien sieht eigentlich ganz gut aus), merkt dann, dass er oder sie nicht oder eben doch schreiben kann (eklige Schleimfüllung, zarter Schmelz, krachende Nuss), dann lässt man sich drauf ein und dann wird man entweder überrascht und will mehr oder spuckt den Mist aus; eine ganze Schachtel schafft man nie, trotzdem hat man irgendwann genug. Und zurück bleibt ein halbgarer Gedanke als gefaltetes Pralinéetütchen mit Aufschrift.

“Sposi, Amici, al Ballo, al Gioco!“

Pralinen werden meist aus den immer gleichen Zutaten gemacht. Und die Abfolge und die Bestandteile dieser Texte ähnelt sich auch. Erst mal Definitionen, dann Abgrenzungen, dann vielleicht ein eigener Gedanke, am besten seltene Zutaten, ein Hauch, eine Nuance. So, ich glaube dieser Analogiekram reicht dann. Danke. Bitte.

In dem Text von Mathias Fuchs (Predigital Precursors of Gamification) stecken ein paar schöne Querverweise drin. Der Tenor „Nichts ist neu. Alles war schon mal da.“ stört gar nicht weiter, weil Fuchs nicht bei Mary Poppins 1934 halt macht

In ev´ry job that must be done
There is an element of fun
You find the fun, and snap!
The job´s a game!

und bei Mark Twain nicht den offensichtlichen zu streichenden Zaun bemüht, sondern auf den mir bislang unbekannten Memory Builder (1895): A Game for Acquiring and Retaining All Sorts of Facts and Dates verweist.

Und dann wird es eigentlich erst richtig gut. Weil er anfängt historische Beispiele für die Ludifizierung religiöser, musikalischer, theatralischer, magischer, pädagogischer undsoweiter Themenkomplexe zu sammeln. Zusammengebunden wird all das durch ein Zitat von Daniel Bernoulli (erst mal googlen) aus dem Jahr 1751 „The century that we live in could be subsumed in the history books as: Free Spirits´Journal and the Century of Play“

Ich fürchte zwar, dass man in jedem Jahrhundert menschlicher Geschichte irgendwen auftreiben kann, der das jeweilige Jahrhundert irgendwie mit Spielen in Verbindung bringt, aber die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts als Referenzsystem ist schon mal so deutlich viel origineller als der derzeit oft und gerne getätigte Blick 100 Jahre zurück: Fin de Siècle und immer unbedingt Neurasthenie nicht vergessen.

Eine feine Praline mit origineller Rezeptur, nach deren Genuss man sofort Pistazien bei der Nussrösterei auf der Wrangelstraße in Kreuzberg kaufen will. Vielleicht läuft ja irgendwo Klassikradio. Irgendwas von einem der Bach-Söhne, der findet im Aufsatz auch Erwähnung.

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