The New No Never

By Marcus on 9. Januar 2017 — 5 mins read

Ich hab das dünne und semi-ergiebige neue Buch von Robert Scoble und Shel Israel gelesen. Wir befinden uns in der vierten Transformation. Hier fünf Fragen, um die Zeit bis 2025 zu überbrücken.  

Nach dem Jahresrückblick kommt pünktlich zum Start des neuen Jahres die obligatorische Vorhersage für die kommenden Monate. Das hat Tradition. Natürlich weiß keiner was passieren wird, aber das macht die Sache ja eben interessant.

Zukunft ist für alle gut

International macht das NiemanLab Predictions For Journalism 2017, national hat sich dieses Jahr Jörgen Camrath darum gekümmert, Leute – nennen wir sie Experten – vom Fach nach der nahen Zukunft zu fragen. Komisch eigentlich, dass sich keine deutsche Institution der Journalistenausbildung oder der Journalismusforschung o.ä. darum kümmert, aber so ist das nun mal.

Für die Expertenprognose gibt es Regeln, einfach eine konsensuale Alltagsbeobachtung in die Zukunft verlängern, mit einer Prise Exaltiertheit würzen, nicht vergessen das eigene Interesse bzw. die eigene Interessennische zu promoten, gut machen sich immer Wortneubildungen und hey, in einem Jahr, ach was morgen schon erinnert sich eh niemand mehr daran. Deswegen ruhig ein bisschen übertreiben, zumindest wenn man das Ganze beruflich machen will. So wie Matthias Horx. Ja, der mit dem das Internet ist nur ein Hype.

Das ist die vierte Transformation Alter

Ein bisschen enttäuscht war ich natürlich zunächst über Aussagen wie „Der Hype um Virtual Reality klingt ab„. Aber warum nicht. Im Gartner Hype Cycle 2016 war VR bereits auf dem Weg in den Mainstream. Und auch wenn davon je nach eigenem Gusto noch nicht so viel, wenig oder nix zu sehen war, dann ist die natürlich Reaktion nach dem Hype, ganz genau das Ende des Hypes. Meist dann schnell ergänzt, um die nächste Vokabel: AR – auf der Achterbahnstrecke des Hype Cycles noch ein Stück hinter VR, aber halbwegs dicht auf den Fersen.

An dieser Stelle kommt dann das recht marktschreierische Buch von Scoble und Israel daher. Denn die nehmen sich gleich den neuen, bisschen heißeren Begriff AR und kombinieren ihn mit dem noch sehr warmen Begriff AI und beides zusammen verändert natürlich ALLES. Mindestens. Change Everything. Und auch wenn in dem Buch jetzt nicht so viel drinsteckt, es ist mit heißer Nadel für Entscheider geschrieben worden und nicht für schöngeistige Akademiker mit Interesse an theoriegeschwängerten Schachtelsätzen, kann man die doch sehr eingängige und bitte zu diskutierende Einteilung der jüngeren Interfacegeschichte in vier Paradigmenwechsel mitnehmen: 1) Typing 2) Clicking 3) Touching 4) Interacting.

Das ist die was bitte genau?

Ohne das jetzt groß auszuführen geht es um MS-DOS, das Computer aus sterilen Räumen in die Wohnungen bringt, gefolgt von der GUI (Macintosh 1984), dann iPhone 2007 (ja, das ist auch zehn Jahr her) und jetzt will technology move from what we carry to what we wear. In den kommenden zehn Jahren werden wir von den omnipräsenten Screens in unserer Hand zu Mixed Reality Brillen überwechseln, die zwar aussehen wie normale Brillen und nicht wie creepy Google Glass Versionen, aber von der Funktionalität natürlich noch viel creepier sein werden als jedes Apple Smartphone. Außerdem können wir sie mit den Augen steuern und mit ihnen reden oder ihnen durch wildes Gestikulieren irgendwas mit unseren Händen mitteilen.

Wie wir mit diesen Brillen dann genau interagieren werden, welche Funktionalitäten und Anwendungsszenarien möglich oder realistisch sein werden, ist genauso unklar wie die optische und technische Ausgestaltung und natürlich der flächendeckende und durchschlagende Erfolg, der hier auch erst mal munter behauptet wird. Falls man allerdings die ersten drei Paradigmenwechsel aktiv begleitet hat, klingt das alles gar nicht so abwegig, wenn man bereit ist nicht an morgen oder übermorgen, sondern an überübermorgen zu denken. Das Leben ist Veränderung, singt Falco. Und überhaupt sollte man niemals auf die hören, die „no, never“ sagen, das scheibt Gary Vaynerchuk (ja, den gibt es auch noch) im Vorwort des Buches.

Na und?

Interessant aus meiner Sicht, sind nun u.a. folgende Fragen:

  1. Wie sehen zukünftige Design Konventionen für Mixed Reality Anwendungen aus? Wie kriegt man das hin auf dem Sichtfeld smart und kontextsensitiv Relevantes und zwar nur jeweils Relevantes bitte einzublenden, um es dann wieder auszublenden, wenn wir mit einem Menschen oder einem Roboter interagieren. Der im Buch zitierte ehemalige Eyefluence CEO Jim Marrgraff sagt dazu in dem Video hier unten ein paar ganz gute Sachen. Auch wenn der Prototyp von Eyefluence – die natürlich von Google gekauft wurden – aussieht wie ein sehr schlichter technischer Prototyp. Normale Webcards in das Sichtfeld zu blenden halte ich für nicht so zielführend. Liegt auf der Hand Bekanntes aus anderen Kontexten zu probieren, aber Computerspielentwürfe sind hier weiter. Stelle mir das eher militärisch vor. Mal sehen wem es gelingt etwas ähnliches wie die mobile Windowsphone UX nur halt eben ganz anders und neu zu erfinden. Da wird in kommender Zeit noch sehr viel zu geschrieben werden: How to Design for Mixed Reality. Und Sehen ist ja um alles in der Welt nur eine Interaktionsform.
  2.  Wie um alles in der Welt sehen die Brillen oder nennen wir sie lieber HMD– von Kontaktlinsen reden wir hier noch sehr lange nicht – denn dann nun genau aus? In Gedanken habe ich den Tumblr-Blog peoplewearinghmd aufgesetzt, aber das wäre so 2013 gewesen. Das oben gezeigte Artikelbild zeigt die Problematik 2017. Noch besser. Für alle anderen: Einmal durch das Internet durchgucken wie VR, AR oder MR-Devices derzeit aussehen oder sich fragen warum sie bisweilen genau so aussehen wie 1997 und dann noch mal all die hässlichen Apple Watch Accessoires anschauen. Computer ausmachen. Sleep on and dream.
  3. Welche technologischen Entwicklungen treiben Mixed Reality Hard- und Software voran? AI, Spatial Computing, 3D-Laserscanner, plenoptische Kameras, maschinelles Sehen oder oder oder?
  4. Wann setzen wir uns mit realistischen und sinnvollen journalistischen Mixed Reality Einsatzszenarien auseinander. Über militärische oder industrielle Einsatzszenarien müssen wir ja gar nicht so lange nachdenken. Die sind ja bereits da. Aber wo sind die zehn smarten Ideen Journalismus und Mixed Reality zusammenzubringen – mit individuellem Mehrwert und Recherche und Daten und Visualisierungen und Sensoren und AI und all so Zeugs. Das hier ist mir inzwischen ein bisschen zu dünn. Und wenn ich in Zukunft in den Supermarkt gehe, weil die Drohne nichts liefert, dann möchte ich bitte direkt Informationen über die Herkunft des Obstes, über saisonale und regionale Angebote mit Datenvisualisierung. Oder ähm vielleicht auch nicht. Wenn es Wikipedia noch gibt, dann natürlich bitte auch Kontextinfos in sinnvollen Häppchen. Und in Berlin natürlich die Mauer sofort wieder mit ins Blickfeld. Neben der Hyper Reality muss noch mehr drin sein.
  5. Halbgare Zusatzfrage: Wann beenden wir eigentlich die VR/Empathie-Debatte. Es handelt sich hier weder um das letzte, noch das endgültige Medium. Und Menschen springen im Jahr 2017 nicht mehr unter den Sessel, wenn ein Zug im Kino einfährt. To be discussed. To be continued. Ciao. Kaufe das hier noch nicht so ganz. Meinungsbildung in progress. Aber: Empathy isn’t a cure-all either.