The Intellectual Yet Idiot

By Marcus on 22. November 2016 — 4 mins read

We, as a free people, have freely decided that we want to live in some post-truth world. Schreibt Steve Tesich 1992. Jetzt ist sie halt da.

Am Flughafen in London die 25 Anniversary Issue der Dazed gekauft. Aus nostalgischen Gründen vielleicht. Und dann an einer Selbstzahlerkasse alles gescannt und vergeblich diese Süßigkeiten von früher gesucht. Kate Moss auf dem Cover mit Plastik Biker Cap auf dem Kopf. Time passes like a dream. Aber it passes eben. Dünner Inhalt. Und dann auf einmal ein Gespräch von Ed Fornieles mit Rob Horning. Und Rob Horning ist derjenige, der für DIS den Fear of Content Berlin Biennale Text geschrieben hat, hier 2014 rumläuft und sich auf seinem Tumblr Internal Exile Gedanken macht. Zum Beispiel über Fake News. Hier und hier.

Authenticity as a phony goal

Als kurzen Einschub vorher noch: Unbedingt alles immer durcheinanderlesen. Nebenan in der aktuellen 032c redet Helmut Lang 2010 die ganze Zeit von Authenticity. Ein Konzept das Robert Horning 2016 in der Dazed und in einem anderen Kontext (Snapchat-Instantaneity over Curated Lifestyle equals more Authenticity?) auseinandernimmt: „I would reject the idea that anything needs to be more authentic, I think those terms are buying into (an idea) that´s problematic. Authenticity is a contrived and phony goal. If you are striving to be more authentic, you are striving to fit into some control that is governing you and you are being particularly conscious of it.“ Und dann die Fotostrecke mit den Sci-Fi Anzügen und dem Hinterteil von Kim Kardashian und zeitgleich lesen, dass Kanye West eingewiesen wurde oder ähnliches.

FB: an entertainment-oriented reflection of the world

“If the news is that important, it’ll find me.” (*) Dieser immer und immer wieder bemühte Satz in den frühen Tagen von Facebook, ach was in den frühen Tagen von Facebook- und so genannten Social Media Seminaren, meist gefolgt von einem Screenshot mit dem blöden Flugzeug im Hudson Tweet, an den sich auch kein Mensch mehr erinnert (noch keine zehn Jahre her, right?!, aber dann doch nicht sooo wichtig), dieser Satz war sicher schon immer verkürzt, sicher aus einem Kontext gerissen und wurde ganz offensichtlich ziemlich naiv und eher optimistisch ausgelegt. Das was aber darauf und daraus folgt, das was Horning 2016 schreibt, hätte man vielleicht damals ebenfalls schlußfolgern können: the viral is the real and the true.

My beliefs really do matter

Heute, acht Jahre später, und mit so viel mehr eigener Erfahrung, haut uns Horning den Satz quasi um die Ohren. „Since people use Facebook not to be informed but to belong or be connected or to get attention or to be entertained, any information on Facebook will be used to those ends and not the ends of constructing a more accurate understanding of the world. (It is not like Google, which people don’t use to perform or express themselves but to get information they need. Google has economic incentives to be accurate.) The presence of outrageously fake news on Facebook may even remind users of this, that what they are seeing is an entertainment-oriented reflection of the world they would like to see and believe in, not the world as it is.“

Social media’s core appeal

Und dann wird es – vor allem für Medienanbieter – noch ein kleines bisschen düsterer. Denn vielleicht wollen die Menschen da auf Facebook gar keine News: „Users choosing to get their news from Facebook may not be seeking to be informed at all; they are instead playing the game of constructing stories, selves, alternatives — they may not want the truth so much as approval, attention, a sense of belonging.“ „The veneer is part of social media’s core appeal: it creates a space where we can consume our ideology as something tangible, seemingly directly effectual — what I believe really does dictate and conform to what I see! My beliefs really do matter!“ „This demand to consume ideology is not the same as a desire to be informed.“

I´m not sure I can come up with something right now

Und um diese so nachvollziehbare wie konkrete und dann auch doch niederschmetternde Beschreibung der eigenen Echo Chambers zu toppen, empfiehlt sich dann wieder ein Blick in die 032c, wo Thom Bettridge erst Hypebeast und dann Highsnobiety besucht und einen ziemlich traurigen (if you ask me) Einblick in das endless rat race der relevant content production gibt. „This super-human output is made possible by a craft called ‚re-posting’…staying on top of aesthetic changes that the audience reacts to…a lot of young brands do not need traffic.“

Bezeichnend dann final die Stelle an der der Typ von Highsnobiety der seit elf Jahren nahezu ununterbrochen quasi immer an der Seite arbeitet, Newsberge aufsaugt, sortiert und wieder ausspuckt, gefragt wird, was ihn denn in letzter Zeit begeistert habe:

„I´m not sure I can come up with something right now, but the one thing I can say is that I´m often excited by stuff we wrote about ten years ago.“ Und damit spinnt er sich ein in den Reigen der Nostalgiker, die ihre eigenen Erinnerungen bei Facebook posten und dann irgendwann nachts alle Liveaufnahmen eines bestimmten Liedes einer bestimmten Band anschauen. Vermutlich stammt die aus den 1990ern, vermutlich war sie auf dem Cover der Dazed und vermutlich hat Kate Moss mit genau dieser Band abgehangen. In London, als es noch diese festen Weingummis in einer roten und gelben Papierrolle gab.

* Die Überschrift bezieht sich auf einen nur halb gelesenen Text nebenan bei Medium der eine momentane Stimmung einfängt und natürlich mit einem sensationellen mir neuen Begriffskürzel aufwartet IYI. Und dann google ich den Autoren und erst dann sehe ich, dass ich eins seiner Bücher bei Amazon bestellt habe. Liegt natürlich ungelesen hier rum. q.e.d.