ວຽງຈັນ

By Marcus on 18. November 2013 — 5 mins read

Ich war noch nie in Laos. Jetzt gerade schon. Hier sind Fundstücke. En passant. Und mittig ausgerichtet.

Der zentnerschwere Tourist plus Anhang (kleines Männchen mit aus braunem Holz geschnitzten Gesicht) an der Ampel so: Excuse me this is Downtown? Big shopping centre? This is it? Downtown? Really?

  Am Freitag nachmittag läuft auf den Flachbildschirmen im leergefegten Food Court Peter Pan auf HBO HD und die Ventilatoren der Marke Cool Top schwingen leise schwingen sanft dazu im Takt. Am Freitag nachmittag läuft auf den Flachbildschirmen im leergefegten Food Court Peter Pan auf HBO HD und die Ventilatoren der Marke Cool Top schwingen sanft dazu im Takt.

50 Prozent aller 35.000 Studierenden an der Nationaluniverstität Laos haben ein Smartphone. Die beliebtesten Dienste sind YouTube, WhatsApp und Skype. Und Facebook. Der Dreh- und Angelpunkt. Alle Seminarteilnehmer gleich welchen Alters sind bei Facebook. Das Departement for Mass Communication hat keine eigene Internetseite, aber jedes einzelne Seminar hat eine eigene Facebook-Gruppe.

Wenn das Zeitalter des Kolonialismus für irgendetwas gut war, dann dafür dass gut 100 Jahre später begüterte Touristen im Restaurant le Vendome ein sehr gutes Chateubriand für kleines Geld essen können. Da es nicht genug Weingläser für alle gibt, erwachen hier und da kleine Neo-Imperialisten die später in der Jazzy Bar über die mangelnde Kohlensäure im Tonic Water schimpfen und mehr Nüsschen fordern.

 

Ein schimmernder Dunst liegt über Coby County. Nach dem Frühstück aus Guatemala und einer amerikanischen Version heute Frühstück aus Asien. Eine milchige Suppe aus zerkochtem Reis und Huhn mit zerhacktem Ingwer und Frühlingszwiebel und Chilli. Dazu schwarzen Tee und einen mächtigen honiggesüßten Bananenshake. Hallo wach.

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Das nackt-gelblich glänzende Tier das am morgen an allen Vieren fixiert von einem Stahlroher durchbohrt um die eigene Achse rotiert, ist am Nachmittag nicht mehr da. Vier knusprig verkohlte Stümpfe ragen einsam hervor. Wie alte Handschuhe am knochigen Arm, lieblos befestigt. Darunter – das zerschnitzte Skelett.   Wie elegant lässig Zwölfjährige im Damensitz auf knatternden Gefährten hinten sitzen. Die Beine überkreuzt,  nur die letzte Ecke Flip-Flop am Zeh, tippen sie mit leerem Gesicht auf ihren Telephonen aus Plastik herum.

Bildschirmfoto 2013-11-20 um 20.20.38  Rumlaufen (Moves) weil der angebliche Abendessen-Geheimtipp seit Neustem von kulturreisenden Rentnern überlaufen wird. Und die Italienerin die ein laotisches Restaurant in einer Seitenstraße am Ende der Welt hatte nicht mehr da ist. Dafür gibt es jetzt einen beleuchteten Brunnen mit zahlreichen Sitzplätzen und Wasserspielen und anderen Geschmacklosigkeiten. Die einheimischen Sänger protestieren auf subtile Art und Weise.   Und dann überraschend in dem Spirit House ein sehr guter gedünsteter Fisch und es gibt die Seife von Les Artisans Lao.


Es riecht nach warmem Staub und gerösteten Maiskolben.

Auf einem leeren Parkplatz die Fußschaltung einer Enduro Racing Machine verstehen und sehr schnell immer weiter geradeaus rasen.

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Im Hinterhof auf grünen Plastikstühlen trinken wir laotischen Kaffee, der braun und dickflüssig ist, fast schlammig und am Glasboden die süße schneeweiße Kondensmilch während im Raum nebenan der Englischunterricht weitergeht. I like reading. I like reading books. I like reading newspapers. I like reading magazines. Wobei magazines noch ein bisschen undeutlich ist. Also nochmal. Magazines. Und dann ist es cloudy. It is cloudy. It is cloudy the whole day.

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Was nicht stimmt. Denn wenige hundert Meter weiter fährt ein schwarzhaariger Junge mit karierten Hemd auf seinem BMX-Fahrrad in die untergehende Asphalt-Sonne.



It´s horrible, kreischt der Amerikaner mit weinerlicher Stimme, seziert mit spitzer Gabel das Spiegelei, verleiht so seiner grenzenlosen Empörung, seinem exquisiten Geschmack und seinem generellen Weltekel Ausdruck. Der Laote hört sich das an, lächelt das weg, bringt ein neues Ei und neuen Speck und einen neuen Teller. Ich nehme an, dass er seinen Kollegen in der Küche angewiesen hat, das gewünscht wabbelige Eigelb mit zähflüssigem Saft aus dem Gedärm einer besonders hässlichen Kakerlake zu vermengen. Parole des Tages: Be nice.

Ich bin ein bisschen skeptisch als uns ein weißer Pudel mit zwei Zöpfen anlächelt und M. die Besitzerin mit dem Wort Mama begrüßt. Ich werde noch ein bisschen skeptischer als er erzählt, dass Mama abends immer ihre acht Hunde vorne im Eingangsbereich wäscht.

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Aber dann gibt es thailändisches Sodawasser mit sehr viel Kohlensäure und angeblich wurde dieses Restaurant dessen Namen M. nicht kennt mal irgendwann von der New York Times empfohlen (hier nicht). Und dann am Ende gibt es nach sehr langer Wartezeit den besten Mango Sticky Rice den ich bislang gegessen habe.

Auf dem Weg zurück eine Art mobile Totenmesse die sich wie die Loveparade 1989 anfühlt, nur die Musik ist besser.

Der ältere Herr in der Bar versucht seit längerem vergeblich in stark französisch gefärbtem Englisch einen Mojito ohne Alkohol zu bestellen. Vermutlich wäre es einfacher Eistee zu ordern.

Wir trinken Pepsi. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn die Industrie – Zitat – beschränkt sich auf eine Brauerei, einen Pepsi-Abfüllbetrieb, die Produktion von Reinigungsmitteln, eine Zigarettenfabrik sowie diverse Holzverarbeitungsbetriebe.

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Ich hab einen Roller und eine Kreuzberger Sturmhaube und einen lächerlichen Helm mit Burberrymuster.

Die Übersetzerin übersetzt heute den sehr schönen Satz zurück ins Englische: We here in Laos value things that you can touch.

Meine Lieblingsseminarteilnehmerin trägt heute zur dunkelbauen Bluse der sozialistischen Jugend schwarze Fake-Chanel-Ballerinas und eine schwarze Kunstledertasche in Form eines schweigenden Mundes.

Den sehr vielen mit Unterhemden und Basecap bekleideten Amerikanern ist eventuell nicht klar, dass die jungen überschminkten Damen in der einsamen Straße unten am Flußufer ebenfalls über ein Gemächt verfügen.

Unter straff wehenden sowjetischen Fahnen üben zwei Frauen mit Hip Bags auf der stockfinsteren Flußpromenade klassische Discopaartänze. Dazu läuft Eurotrash und die Teenager sitzen auf Stangen und fotografieren sich mit emporgestrecktem Daumen. I like.

Eine Frau zündet einen Ballon an der sich schneeweiß lodernd in den Himmel schraubt, immer weiter, warum guckt niemand mehr, und gegenüber ist Feuerwerk und ein Nachtclub lärmt und überall sind ganz kleine Katzen. Ein purzelnder Haufen kleiner Kinder stolpert von hier und von da und es fühlt sich so an, als ob jeder für alles so viel Zeit hätte. Zeit um gemeinsam auf dem Boden barfuß vor einem Schaufenster zu sitzen. Um Billiard oder Ballspiel-Übertragungen anzuschauen. Um in der warmen Nacht nach Hause zu laufen.

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