Shit Look At That

By Marcus on 27. Juli 2014 — 2 mins read

„Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung, machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr, sondern mit ihrer jüngeren Schwester.“ So lautet der erste Satz im Roman „Peggy Sue“ von Wolfgang Welt. Ich habe eine ganze Reihe von Büchern gelesen – sie stapeln sich im Regal – und doch ist es dieser Anfangssatz eines ehemaligen Musikjournalisten, der mir von allen am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist. Es handelt sich hier um das mustergültige Beispiel eines SLAT – eines „Shit look at that Moments“.

Der leider viel zu früh verstorbene WDR-Journalist Michael Thamm hat mir vom SLAT erzählt. Es sei eine inoffizielle Regelung bei der BBC, dass alle fünf Minuten im Programm ein solcher Moment vorzukommen habe. Ein Bild, an dem man hängen bleibt, ein Fakt, für den man etwaige Lebenspartner sofort aus der Küche herbeiruft, um gemeinsam zu schauen, zu hören oder zu lesen.

In Zeiten des totalen Überangebots an Informationen und Inhalten ist es zentral, das eigene journalistische Werk so zu positionieren und zu gestalten, dass es gefunden, konsumiert und weiterverbreitet wird. Denn so wie das Internet auf einer Netzarchitektur beruht, genau so funktioniert die Informationsvermittlung: von einem Knoten zum nächsten, sozial und dezentral. Wer nicht gefunden wird, der wird nicht wahrgenommen. Und wer nicht wahrgenommen wird, der hat keine sehr große Relevanz und meistens große Probleme, sein Angebot aufrechtzuerhalten.

Im Kampf um die Aufmerksamkeit verwöhnter Nutzer, Hörer, Leser und Zuschauer ist Phantasie, Kreativität und Recherche gefragt. Originalität, Regelbrüche und Superlative können funktionieren. Müssen aber nicht. Und zu alledem funktionieren die meisten Tricks meist nur einmal. Überraschend ist die Idee eines Big Brother Containers, der größte Burger der Welt oder das Photo eines nackten Prinzen beim ersten Mal. Danach wird es rasend schnell langweilig.

Mit dem Prinzip SLAT ist mehr gemeint als ein erstaunlicher Einstiegssatz oder eine überraschende Wendung in einer Fernsehreportage. SLAT ist eine Herangehensweise, die die Wertschätzung dem eigenen Produkt gegenüber voraussetzt. Wenn ich Tage oder mitunter Wochen mit meinem journalistischen Produkt verbracht habe, dann muss der Zuschauer, Hörer oder Nutzer meine Begeisterung, meine Neugier, mein Interesse spüren. Ich muss ihn als Autor begeistern, neugierig und interessiert machen. Jedes mal neu. Denn Journalismus ist nie reiner Selbstzweck, sondern ein Service. Dienst am Kunden.

Und wenn ich ihn oder sie informiert, unterhalten und im Idealfall begeistert habe, den Zuschauern, Nutzern, Lesern, Hörern also einen Mehrwert geboten habe, dann werden meine Produkte im Netz auch weiterverbeitet. Der Dreischritt aus 1) SLAT, 2) Mehrwert und 3) Call to Action bietet hier ein loses Grundgerüst, das journalistische Produkte in Zeiten des Gate Watching mit allen notwendigen Ingredienzien ausstattet.

Der zentrale Erstkontakt läuft im Idealfall über einen SLAT (Wow, das muss ich mir angucken…Interessant, hier gibt es mal eine andere Perspektive und keinen Agenturenmix…Das habe ich noch nie gesehen, gehört, gelesen….). Der allein reicht natürlich nicht.

Von der im Konkret-Literatur-Verlag erschienenen Erstausgabe von Peggy Sue wurden nur wenige hundert Exemplare verkauft. Wolfgang Welt arbeitet seit vielen Jahren als Nachtportier im Schauspielhaus Bochum.

Aus: Marcus Bösch / Ramón Garcia-Ziemsen / Michael Karhausen / Andreas Lange / Jan Lublinski (Hrsg.):
Kill Your Darlings. Handbuch für die Journalistenausbildung, LIT Verlag, Berlin 2012, 219 Seiten, 19,90 Euro. 

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