Ein Quiz bitte eine Quiz

By Marcus on 19. September 2013 — 3 mins read

Während anderswo im Netz sehr umfangreich und tiefschürfend über das neu angebrochene Jahrhundert der Spiele (The Ludic Century) diskutiert wird, stolpere ich zufällig im turi2-Newsletter über den Hinweis auf ein Spiel zur Bundestagswahl, das sich auf den Seiten der FAZ befinden soll. Leider kann ich auf meinem mobilen Gerät davon wenig sehen, denn das Bundestagswahlquiz wurde mit Flash umgesetzt.

Gut, dass ich noch mehr Geräte mit in den Urlaub geschleppt habe. Das was ich dann zu sehen bekomme sieht so aus. Angetextet wird so: „FAZ.NET stellt die Aussagen der Parteien vor der Bundestagswahl auf den Prüfstand: Wie unterscheiden sie sich?“

Bildschirmfoto 2013-09-19 um 22.44.12Leider gibt es hier nur ein recht nichts sagendes Symbolbild. Das kleinste Problem, auch wenn sich hier http://www.flickr.com/commons sicher was Hübsches hätte finden lassen. Das größere Problem ist, dass es sich hier um ein Quiz-Modul handelt, das genau so seit bald mehreren Jahrzehnten auf Redaktionsrechnern herumvegetiert, weil es zum langsam Staub bedeckten Content Management System passt. Aus User Experience Sicht sieht das nicht gerade verlockend aus. Aber es geht schließlich nicht (nur) um Äußerlichkeiten.

Mein persönlich größtes Problem hier ist, dass es sich bei einem simplen Multiple Choice Quiz um eines der einfachsten und zudem wenig ambitioniertesten Spielformate handelt, die sich finden lassen. Das ist ggf. nett, aber nicht mehr und zeigt zum einen welcher Stellenwert digitalen Spielen derzeit auf deutschen Nachrichtenseiten eingeräumt wird. Zum anderem spiegelt es offenbar auch den gegenwärtigen Bildungshorizont von Nachrichtenseitenmachern wieder was das komplexe und schöne Genre Spiele anbelangt. Unter dem Schlagwort Game Litercay wird das gerade hier und da debattiert.

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Kollege Tomas Rawlings hat jüngst auf dem Scoopcamp in Hamburg über ein Gaming Desk in den Newsrooms der Welt gesprochen. Ich hatte 2011 mal nebenan darüber geschrieben, warum das eine gute Idee sein könnte: Why News Organisations Need Game Designers.

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Hier noch mein Lieblingsquizbeispiel deutscher Medienunternehmen das jeden Morgen in meinem Emailfach landet. Bei Zeit Online gibt es nämlich auch ein Quiz. Ein tägliches Wissensquiz. Das besteht zunächst aus einer Email die ungefähr so aussieht. Klickt man eine Antwort an, dann landet man hier. Auch dieses Quiz sieht aus, als ob es Ende der 1990er Jahre das erste mal implementiert wurde. Leider bekommt man auch keine direkte Antwort auf die Frage. Erst am Ende des Fragebogens gibt es eine Auflösung, inkl. kostenloser Datenvisualisierung.

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Moment! Es gibt noch mehr. Zurück zur FAZ. Denn da gibt es noch „Das große Politiker-Quartett„. Wieder Flash, diesmal jedoch mit Anfangsanimation und einer Prise Humor: Neuland-Faktor. Hier spielt man gegen „den Computer“ und lernt sogar was. Zum Beispiel wie viele Reden Gregor Gysi in der letzten Legislaturperiode gehalten hat. Spielerisch ambitionierter als eine reine Multipe Choice Klickorgie.

Bildschirmfoto 2013-09-19 um 23.21.13Schade, dass das Spiel nicht mobil optimiert ist. HTML5 wäre eine Lösung. Schade, dass die gesamte Anmutung sehr technisch und kahl daherkommt. Man schaue sich bitte zum Vergleich einmal an wie ausgeklügelt „der Computer“ als Spieler in der Kinder-App Fiete Match daherkommt.

Schade auch, dass es derzeit in Deutschland bei so genannten Newsgames offenbar nur zu schlichten Quiz, Quartett und Puzzlespielen reicht. So viel mehr wäre möglich. Und kommen Sie jetzt bitte nicht mit der argumentativen Geldkeule.

Vor einer Woche hat ein Newsgame den ersten afrikanischen Subsahara Newsroom Hackathon gewonnen. Der Prototyp war nach 48 Stunden fertig. Ach so. Und übrigens. Keines der drei Teammitglieder Loni, Fiona und Carla waren jemals zuvor bei einem Hackathon und sie hatten vorher auch noch nie an einer News-App gearbeitet: „The fact that we could pull together a working prototype in less than two days will rock our newsroom.“

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Bei Interesse empfehle ich hier auch einmal Sisi Wei zu lesen: Newsgames Aren’t Much Harder to Make Than Interactive Graphics. Und wer jetzt Blut geleckt hat, ich trommle gerade für Europas ersten Newsgame Hackathon 2014. Bitte gerne mailen.

PS. Nur um das noch mal deutlich zu machen. Ich finde jeden Versuch interaktive Formate zur Wissensvermittlung einzusetzen interessant. Z.B. auch den http://wahlplakatomat.de/ – Mir geht es hier lediglich darum die Chancen und Möglichkeiten aufzuzeigen, gemeinsam zu entdecken und auszuprobieren. Denn Spiele können interaktive Erfahrungen ermöglichen und Systeme erklären, eignen sich also bestens für die journalistische Wissensvermittlung. Nur dazu müssen sie mit mehr Kenntnis über passende Game Mechaniken besser konzipiert und umgesetzt werden als dies derzeit der Fall ist.

Nachtrag: Vielleicht wird ja ab November alles anders 😉

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