No fear of content

By Marcus on 31. August 2016 — 5 mins read

Online zu sein, ist uns so selbstverständlich geworden wie Atmen und Trinken. Mag sein, aber wir wissen trotzdem nicht was wir hier gerade machen.

Über die als Anzeige umfunktionierte eingebettete Twitter-Feedbox beim Perlentaucher auf das Logbuch Suhrkamp gestoßen. Überhaupt das allererste Mal da drauf geklickt, sonst immer nur versehentlich in der Box rumgescrollt und geärgert, dass sich die daherumliegende Seite nicht scrollen lässt. Werbung wirkt. Zumindest heute, zumindest hier. Direkt danach Bücher bestellt. Die danach im Regal rumliegen, angelesen werden, was ich langsam aber sicher nicht mehr als schlimm empfinde. Eines Tages möchte ich dann unter der krachend sich von der Wand lösenden Bücherwand zerquetscht werden.

Kurz die Frage gestellt, wer außer dem sympathisch altmodischen Perlentaucher noch so genannte Twitter Widgets bastelt und sie dann auf Seiten einbettet. Und wer Seminare zum Thema Bloggen für Journalisten bucht, aber das ist eine andere Frage. Genau wie die Frage warum alle WordPress-Themes inzwischen gleich hässlich aussehen und wie gleich noch mal die tollen WordPress-Alternativen hießen die es doch jetzt gibt. Und wer Tumblr noch benutzt und wie es damit weitergeht und ob tatsächlich Snapchat und Co. eine Alternative oder doch eher eine Fortführung oder doch nur ein gerade besonders dick ausgeprägter Arm einer anderen Entwicklung sind.

Fragen über Fragen wobei ich doch eigentlich frohlocken wollte über Dinge wie das Suhrkamp Logbuch – und zum Beispiel Detlef Kuhlbrodt, der hier etwas macht, was so lakonisch ist und neben Russel Davies und Timo Feldhaus selten (allein der Absatz / die Beobachtung Baumann )–, dass ich das alles sofort in einem Feedreader abonniert hätte, wenn ich so etwas noch nutzen würde. Und wenn gerade nicht alles schrecklich fragmentiert wäre. Gescheitert beim Versuch Musik, Filme, Podcasts u.ä. irgendwo gebündelt zu beziehen. Allein für Musik auf dem Telefon nutze ich jetzt eine krude Mischung aus Spotify (natürlich auch keine Lösung), die Apple-App Musik (der Untergang) und Soundcloud und dann noch Podcasts – für zum Beispiel jetzt neuerdings Reveal. Bei Videos sieht es mit Netflix und Amazon auch nicht besser aus. Und ist das jetzt eben so, dass alles irgendwo liegt, die Ordnung des Zettelkastens längst vergangenen Tagen gehört und wir in dieser undurchsichtigen Welt herum mäandern oder besser herumteleportieren von Dienst zu Dienst und von Link zu Link und von einem Gedankenfetzen zum nächsten? Ist es das was man bei der Berlin Biennale dann mit Fear of Content meint? Also einer konstanten Überforderung, einem konstanten Anreißen und nicht zu Ende denken, von zu viel schneller Meinung und Behauptungen und Rechthabereien und Irgendwann-wieder-darauf-Gestoße. Überall nur fragmentierte Partikel.

Im Logbuch einen Text von Elias Kreuzmair gelesen und danach bei Spotify sofort das erste Mal im Leben Mogwai gehört, weil Kreuzmair schreibt, dass Stephen Malmus sagt, dass Mogwai die erste Band des 21. Jahrhunderts seien. Ether.

„Diese Phase des Mediendiskurses wurde in anderen Kontexten – namentlich von Florian Cramer – als postdigital oder in Bezug auf bildende Kunst als post internet bezeichnet. Mit diesen Begriffsschöpfungen soll jeweils ausgedrückt werden, dass wir uns in einer Phase nach der Digitalisierung befinden“, schreibt Kreuzmair. Und während ich immer dankbar bin, wenn jemand mit diesen Begriffen sinnvoll hantiert und ich vor allem den schon etwas älteren aber lesenswerten Text von Florian Cramer gar noch nicht kannte (My first reflex was to dismiss the whole concept as irrelevant in an age of cultural, social and economic upheavals driven to a large extent by computational digital technology), der sehr schön aufzeigt, wie das post in post-digital* zu verstehen ist, stoße ich mich sehr an dem „Online zu sein, ist uns so selbstverständlich geworden wie Atmen und Trinken. Das Digitale ist banal geworden.“

Mag sein. Und doch liegen gerade hier Gefahr und Chance eng beieinander geht es ja um mehr. Denn natürlich ist die Nutzung von Diensten oder willkürlich herausgepickt das Nachgucken von Flügen auf einem digitalen Gerät banal, verstanden als alltäglich, gewöhnlich oder nichts Auffälliges aufweisend, aber das Erlernen und Ausüben dieser neuen Kulturtechnik, die Bedeutung, Auswirkung und Tragweite vermeintlich banaler Handlungen (Posten eines Bildes bei Instagram) reichen doch wesentlich weiter. Es geht hier meiner Meinung nach nicht um spielerische kleine Experimente in der Form, Aufmerksamkeit oder wie beschrieben die Recherche in der schriftstellerischen Praxis, sondern um Strategien der Repräsentation, der bewußten oder eben unbewußten Ausgestaltung des eigenen Lebens. „Eine Schilderung weiter Teile des alltäglichen Lebens ohne Bezug auf digitale Kommunikations- und Hilfsmittel ist unmöglich geworden“, schreibt Kreuzmair. Richtig, aber die aufgeführten Beispiele zeigen wie sehr am Anfang der so genannten Post-Digitale wir uns befinden und mit Verweis auf Cramer und um in der Analogie zu bleiben, erwarte ich gespannt die Weiterentwicklung von Post-Punk. Es ist 1980. Die Ideen sind da. Nur an der Ausgestaltung hapert es bisweilen noch. Hoffentlich landen wir nicht bei U2 und hoffentlich bleibt es nicht an Thomas Meinecke allein – Zitat „mit allen postmodernen theoretischen Wassern gewaschener Literatur-Discjockey und Zitatraubritter“ – das Jetzt, das Eben und das Gleich zu verwursten.

Ebenso ermüdend derweil das immer gleiche und selbst praktizierte „Wir befinden uns erst ganz am Anfang“ Gesülze. Denn wir befinden uns immer gerade am Anfang. Rückwirkend mag sich dann eine gerade Linie ziehen lassen. So lange befinden wir uns aber im Möglichkeitsmodus, in dem wir uns wohlig auf dem Sofa einkuscheln und denken, dass wir hier irgendwas verstanden haben, weil das Telefon so gut in der Hand liegt, leise angenehme Geräusche von sich gibt und der Bildschirm seit neustem im Nachtmodus sanft leuchtet.

* However, ‘post-digital’ can be defined more pragmatically and meaningfully within popular cultural and colloquial frames of reference. This applies to the prefix ‘post’ as well as the notion of ‘digital’. The prefix ‘post’ should not be understood here in the same sense as postmodernism and post-histoire, but rather in the sense of post-punk (a continuation of punk culture in ways which are somehow still punk, yet also beyond punk); post-communism (as the ongoing social-political reality in former Eastern Bloc countries); post-feminism (as a critically revised continuation of feminism, with blurry boundaries with ‘traditional’, unprefixed feminism); postcolonialism (see next paragraph); and, to a lesser extent, post-apocalyptic (a world in which the apocalypse is not over, but has progressed from a discrete breaking point to an ongoing condition – in Heideggerian terms, from Ereignis to Being – and with a contemporary popular iconography pioneered by the Mad Max films in the 1980s).

** Cover. There is nothing left but the future

*** Michael Waugh am 15. Oktober

**** Do interesting

***** Easter ♫