Museum of Digital Art

By Marcus on 19. Januar 2017 — 6 mins read

Das MuDA in Zürich ist – nach eigenen Angaben – Europas erstes physisches und virtuelles Museum, das sich digitaler Kunst widmet.

Das Museum of Digital Art ist eines von insgesamt zwei Kickstarterprojekten die ich bislang unterstützt habe. Die Idee gefiel mir, es war 2015 und jetzt ist es 2017 und Minus 4 Grad und es 11 Uhr am vormittag und direkt gegenüber von dem 25 Hour Party People Hotel ist der Eingang. Das Museum ist eher eine Art Galerie. Sechs Kunstwerke des französischen interadisciplinary art collective Lab212 werden gerade ausgestellt. Außer der Studentin an der Kasse und mir ist noch eine Frau da, zu der kommen wir gleich.

Du kannst mit allen Kunstwerken hier interagieren, also mit allen bis auf eins, sagt die Studentin an der Kasse und gibt mir dann ein Stück gefaltetes Zeitungspapier. Das ist das Programm und es ist – natürlich – sehr gut gestaltet. Das hier ist die Schweiz. Alles hier ist gut gestaltet. Ja, das ist richtig, sagt N später an der Uni, aber dieser unbedingte Wille zum guten Design führt immer wieder zur totalen Blockade, weil eben alles perfekt aussehen muss und dadurch eben nicht schnell, spontan und mutig rausgehauen wird.

Starfield, Cyril Diagne, Tobias Muthesius, 2012-2016

Eine Schaukel, eine Microsoft Kinect und ein projezierter Sternenhimmel. In Zusammenarbeit mit jemandem von der American Astronomical Society entwickelt. Ein „Schaukelritt durch die Weiten des Weltalls“ wird hier angekündigt. Okay, diese Installation stammt dem Jahr 2012. Und im Jahr 2012 war das sicher eine einzigartige Idee. Allein: Wenn ich durch das Weltall reiten will, dann sicher nicht auf einer Schaukel, denn diese ist per se ja irgendwo befestigt, es bleibt also beim Hin- und Herschaukeln. Im Kontext Game Design würde man sagen, hier ist nicht die richtige Mechanik eingesetzt worden.

Besser umgesetzt – und zeitlich später – von Christin Marczinzik & Thi Binh Minh Nguyen mit ihrer Arbeit Swing 2015. Hier schaukele ich mich langsam in das Universum – von unten nach oben. Die Illusion durch HMD und körperliche Schaukelbewegung und leichtem Wind im Gesicht funktioniert gut. Man hat wirklich das Gefühl sich an den offenbar endlosen Schaukelseilen nach oben zu schaukeln. Schamlos wenig später von einer deutschen Digitalagentur kopiert: Unser neuster Clou.

Die Kombination aus realer Umgebung, körperlicher Bewegung und HMD funktioniert oft erstaunlich gut, das Gehirn lässt sich so einfach austricksen, vor allem wenn man sich darauf einlässt –ähnlich dem Magic Circle, den man beim Spielen eines Spiels wissentlich betritt. Irgendwo gibt es diese Video von einer Gruppe Leute, die jeweils eine Person mit HMD auf einem Fahrradanhänger durch die Gegend fahren. Und irgendwo anders gibt es dieses GIF, das angeblich persönliche VR-Experience-Assistenten in einer asiatischen Spielhalle zeigt, die je nach Situation eine Art Käfig in dem der Gast sitzt ordentlich durcheinander wirbeln.

Auf dem Weg zum musealen interaktiven Erfahrungsraum ist noch eine ganze Menge Luft nach oben, vor allem was multisensorisches Feedback anbelangt. Ich bin gespannt ob irgendjemand aus dem Objekt Schaukel in diesem Kontext noch mehr herausholen kann, als Cyril Diagne, Tobias Muthesius,Christin Marczinzik und Thi Binh Minh Nguyen.

Envol, Béatrice Lartigue Sébastian Courvoisier, Louis Warynski, 2016

Diese Installation lädt „die Besucher dazu ein, sich in Vögel zu verwandeln, die sich durch eine grenzenlose Traumlandschaft schwingen“. Ich beobachte die einzige Besucherin des Museums. Sie steht vor dem Bildschirm breitet die Arme aus und schwingt sie wie ein Vogel. Leider passiert nichts. Denn in der kleinen Säule vor dem Bildschirm ist ein Leap Motion Controller, der zwar die Hände und Handbewegungen recht gut erkennen kann, der aber nicht auf das Ausbreiten der Arme reagiert. Schade. Denn natürlich würde man hier gerne die eigenen Schwingen ausbreiten und losfliegen. Moment. Genau das kann man ja. Und zwar mit Birdly, einer Ganzkörper-Installation die nebenan am ZHdK entwickelt wurde und aus der – aufgrund des beachtlichen globalen Erfolgs – ein Startup entstanden ist, das die Apparatur inzwischen in Serie herstellt. Hier ein früher Prototyp.

Envol erinnert mich visuell an eines meiner Lieblingsspiele auf dem Smartphone: Race the sun. Schön wäre hier natürlich, die Kombination aus Gameplay und Ganzkörper-Installation, dann natürlich ohne Flügelschlagen.

Enthusiastic Overlay, Cyril Diagne, 2016

Indem Tennisbälle vor einer industriellen Hochgeschwindkeitskamera gehalten werden, erwachen diese zum Leben und entwickeln sich zu enthusiastischen kleinen Geschöpfen. Steht im Programm. Hier habe ich länger drüber nachgedacht, wie ich die Arbeit lesen soll. Zunächst ging ich vom Tennisball aus. Vielleicht weil ich Ende Dezember sehr viel Zeit mit der App Tennis Champs Returns verbracht habe. Im rein digitalen Kontext gibt es eine schöne Tennis-Arbeit von Rafaël Rozendaal mit dem guten Namen Tennis aus dem Jahr 2011. Meiner felsenfesten Überzeugung nach, zerstörte der auftreffende Ball im Spielfeld den jeweiligen Punkt mit einem farbigen Pixel. Jetzt hier im Browser gerade nicht. Ein Problem von webbasierter Kunst im 21. Jahrhundert? Falsche Erinnerung? Egal. Eine Installation im Raum die mit Tennisbällen arbeitet, stelle ich mir persönlich so vor: Es gibt eine Tennisballwurfmaschine die mich mit zunehmender Intensität mit Bällen beschießt. Erfahrbarer Schmerz. Wie bei der Painstation. Gibt es das bitte irgendwo?

Zurück zu den enthusiastischen kleinen Geschöpfen. Brachte mich dann als nächstes zu Arbeiten im Kontext Face Detection. Also beispielsweise Adam Harvey, der an Lösungen arbeitet, damit uns Überwachungskameras eben gerade nicht erkennen. Ich stand mal vor ein paar Jahren vor dieser Gesichtserkennung des Fraunhofer Instituts. Hallo Tennisball, wie happy bist Du gerade?! Nichts gegen kleine gelbe Tennisballgeschöpfe, spannender fände ich persönlich eine Auseinandersetzung mit Face Morphing, Face Swap und Overlays und Mapping, die uns ggf. in Zukunft ermöglichen als jemand ganz anderes mit jemand ganz anderem zu interagieren. Was macht das mit uns? Wer sind wir dann?

Appel d`Air, Tobias Muthesius, Pierre Thirion, 2012

Hier pustet man ein kleines Windrad an. Die Intensität des Pustens wird auf einen industriellen Ventilator hinter einem dann raschelnden in Streifen geschnitten Vorhang übertragen. Okay, nett. Ich möchte jetzt eigentlich nur wissen, was passiert, wenn man die beiden Geräte einander gegenüberstellt und die Maschinerie startet. Das kleine Windrad dreht sich, überträgt die Rotation „proportional“ auf den Industrieventilator, der dann erneut das kleine Windrad dreht und so weiter und so fort. System Overload. Crash. Light / Dark von Abramovic & Ulay. David gegen Goliath. Mensch gegen Maschine.

Und – wie war es, Marcus Bösch, 2017

Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Wirklichkeit,Vorstellung und Erleben, die Lücke zwischen digitaler Darstellung und physischer Umsetzung, faszinieren mich. Die Installationen sehen auf der Website des
Lab212 bisweilen interessanter und besser aus, als sich das Erleben und die tatsächliche Umsetzung in einem Raum anfühlen, in einem Haus, an einer Straße, mit Autos, wo es kalt ist und es ein Davor und ein Danach gibt. Umso wichtiger ist es, noch mehr rauszugehen und sich Sachen auszusetzen, denn der ausschließlich passive, bisweilen idealisierende Konsum auf einem Bildschirm führt ganz sicher nicht an ein erstrebenswertes Ziel. Genau dieser Sache hat sich das Museum of Digital Art angenommen. Freue mich auf den nächsten Besuch. Den Rest können wir bei einem Pappbecher Tee gegenüber im Hotel besprechen. Aber erstmal natürlich die sehr schöne Website anschauen.