Medientheorien

By Marcus on 3. Mai 2017 — 4 mins read

Das erste Mal seit Jahrzehnten eines dieser roten Uni-Taschenbücher durchgeblättert: Medientheorien. Eine Einführung.

Ich war auf der Suche nach einem begrifflichen und methodischen Korsett, das man anziehen kann, um dann mit geradem Rücken, guter Haltung und klarem Blick loszuspazieren. Ich war auf der Suche nach Hinweisen und Anknüpfungspunkten, um sie mit dem aktuellen und baldigen Status Quo im Kontext Mixed Reality Kontinuum abzugleichen.

Von Letzterem gab es hier und da ein bisschen. Vor allem bei Virilio und seinen Cybernauten die Reisen in beliebige Ersatzuniversen unternehmen, inkl. „Leere des horizontlosen Horizonts“ (S. 159) Natürlich McLuhan: „Programminhalt“der Medien, Fernseh- und Radiosendungen oder die Story in der Zeitung – oder eben auch der Inhalt der VR-Anwendung – sind medientheoretisch irrelevant, denn die Botschaft des Mediums ist das, was es mit Menschen macht.  (S. 48) Und hier und da noch mehr.

Aber erhellend für mich war vor allem, die nicht nur sehr vorsichtig ausgedrückt „Heterogenität der Methoden und Terminologien“ (S. 11), sondern die unerwartete und in dieser Form zumindest in meinem Teil der Kölner Uni Ende der 1990er Jahre so ganz sicher als unwissenschaftlich verurteilte Herangehensweisen. Vielleicht hätte ich aber auch einfach mal nebenan bei den Germanisten und Medienwissenschaftlern zuhören sollen, um eine ordentliche Portion Dekonstruktion, Poststrukturalismus und ein Stück Rhizom mitzunehmen. Keine Zeit.

Und um die – vor allem auch in Deutschland grassierende – Heterogenität begreifen zu können, hätte ein Blick in den Kittler-Einführungsband von Geoffrey Winthrop-Young gereicht: „Im deutschen Sprachraum – so Geert Lovink – hat sich seit den achtziger Jahren eine rege, weltweit einzigartige Medientheorieproduktion entwickelt…eine einheitliche Medientheorie gibt es nicht, höchstens ein Ensemble von Basistheorien die ein sehr diverses Set an Begriffen, Definitionen und Modellen anbieten. (S. 80) Voila. P.S. Es herrscht nicht einmal Einverständnis darüber, was Medien eigentlich sind.“

Walter Benjamin

Benjamin schloß sich keiner intellektuellen Gruppe oder philosophischen Schule an… Randständigkeit kennzeichnet Person und Werk… Ohnehin nicht sonderlich an einer Universitätslaufbahn interessiert, nahm er die Ablehnung seiner Habilitationsschrift zum Anlass, dem akademischen Leben und Schreiben den Rücken zu kehren. Benjamin hinterließ kein in sich geschlossenes Werk, kein philosophisches System, sondern eine Fülle von Bruchstücken und Ansätzen. (S. 13)

Marshall McLuhan

McLuhan war nicht daran gelegen, eine konsistente Theorie im Sinne der herrschenden Wissenschaftsauffassung  zu präsentieren. Er war vielmehr davon überzeugt, dass nach dem Ende der Gutenberg-Galaxis auch wissenschaftlichen Methoden, die mit dem Leitmedium Buch verknüpft waren, keine Gültigkeit mehr beanspruchen konnten. Dazu gehörten die Beschreibung der Wirklichkeit durch isolierte Kausalprozesse und das lineare Denken im Rahmen von einheitlichen Wissenschaftsschemata oder – systemen…McLuhans meistbeiläufig gehaltene Äußerungen zur Methode finden sich in seinen Büchern verstreut. Im Resultat ergibt sich „eine mosaikartige Konfiguration oder Galaxis (1995, S. 269). (S. 41)

Generell ist McLuhan der Meinung, die Kunst sei eher in der Lage, mit der medialen Situation des 20. Jahrhunderts umzugehen als jede Art von Theorie. (S.u., Teil IV) (S. 42)

Man müßte sich inmitten des Gedränges situieren und ohne festen Boden unter den Füßen, selbst Teil des Geschehens, die Vorgänge in ihrer Umwelt nachvollziehen. (S. 44)

…sein Stil durchweg alles andere als „wissenschaftlich“. Essayistisch gehalten sind seine Schriften durchsetzt mit Aphorismen, Anspielungen, Metaphern und plakativen Aussagen, die an Werbeslogans erinnern. Starke Thesen bleiben häufig unbegründet, wilde Assoziationen werden kaum ausgeführt, Widersprüche sind nicht selten. Die Texte präsentieren sich als Puzzle…eklezistischer Umgang mit wissenschaftlichem Material.

Vilém Flusser

Er argumentiert auf eine originelle Weise außerhalb jeder bloß fachspezifischer Sicht, lässt verbindliche Standards nicht gelten, operiert vielmehr frei mit aus unterschiedlichsten Wissenschaftsgebieten stammenden Termini, Begriffen und Theoremen. S. 77

Der für Flusser – und für alle „nachgeschichtlichen“, nichtklassischen, nachstrukturalistischen, postmodernen, postrationalen, posthumanistischen usw. Denkhaltungen – typische Ansatz (um aus diesen blockierenden, sich selbst aufhebenden Diskursen, Wertordnungen und Strategien herauszukommen) ist die Aufgabe des Anspruchs auf „absolutes Wissen“, auf eine knebelnde Sprachverbindlichkeit, ist eine Umkehrung klassische Bedeutungen… Es wird ein nomadisches, ein schweifendes Denken bevorzugt, ein Denken der Abweichung, der Differenz, der „Überschreitung“ (Georges Bataille). S. 82

Paul Virilio

Denkt sich einfach sein ganz eigenes Wissensgebiet aus, nennt es Dromologie (nach „dromos“ Lauf, also die Logik des Laufs bzw. der Geschwindigkeit), in das Mediengeschichte, Militärwissenschaft, Urbanisitik und Physik einfließen. S. 133

Seine Medientheorie läßt zwei mögliche Lesarten zu. Zum einen handelt es sich um eine Theorie-Fiktion, in deren Zentrum Übertreibung als Methode steht, zum anderen ist es der Beginn eines neuen Wissensdiskurses, der die Negativität der medialen Techniken ins Zentrum seiner Analyse rückt. Virilo selbst: Ich habe den Ausdruck Dromologie nicht ohne ein gewisses Amusement erfunden, um eine Art Wissenschaft von der Geschwindigkeit anzuregen. S. 163

Friedrich Kittler

Wissenschaftliche Herkunft: Literaturwissenschaftler. Zumindest hierzulande ist seine Herangehensweise aber einigermaßen unorthodox, dass man ohne Übertreibung sagen kann, dass seine Arbeit die Literaturwissenschaft inzwischen verändert hat. S. 165

Kittler: Wem es also gelingt, im Synthesizersound der Compact Discs den Schaltplan selber zu hören oder im Lasergewitter der Diskotheken den Schaltplan selber zu sehen, findet ein Glück. Ein Glück jenseits des Eises, hätte Nietzsche gesagt. (1986, S.5) (S. 203)

Und was ist mit Foucault? Um 1850 enden die historischen Arbeiten, also knapp vor dem Anbruch des neuen Medienzeitaters, geschrieben werden sie alle vor 1980, also knapp vor ihrer Beerbung durch die Medienwissenschaft. (Kittler, S.85)

* Medientheorien. Eine Einführung. Daniela Kloock und Angela Spahr.