Lovely Day

By Marcus on 20. Februar 2016 — 3 mins read

Es regnet in Brüssel. Macht nichts. Wir gehen ins Gaudron. Und lesen später alte Ausgaben des New Yorkers.

Zu Besuch bei G und A im Haus neben der angolanischen Botschaft. Es regnet. Und ich lese eine Geschichte von Nathan Heller über die Kulturtechnik des Fliegens, über Flughäfen und das Buch „The End of Airports“ von Christopher Schaberg. Das angenehme an Texten im New Yorker ist, dass die Autoren offenbar unglaublich viel Zeit haben, um Geschichten nachzugehen, um Dinge zu erleben, um sehr viel zu lesen, um dann darüber mit einer angenehmen Beiläufigkeit zu schreiben. Was wäre dieser Text, ohne das lunch seminar of neuroscientists in Central Jutland und ohne den Sonnenuntergang bei der Landung in Lissabon (We landed in Lisbon at sunset). Und was wäre der Text ohne die tolle Proust-Stelle:

Proust had anticipated the effects of the change a few years earlier. The narrator of “In Search of Lost Time,” while riding on horseback through the woods, sees, for the first time, a pilot soaring overhead, and immediately bursts into tears: “I felt that there lay open before him—before me, had not habit made me a prisoner—all the routes in space, in life itself; he flew on, let himself glide for a few moments over the sea, then quickly making up his mind, seeming to yield to some attraction that was the reverse of gravity, as though returning to his native element.” Proust’s genius was to recognize that the shock of flight wasn’t technological but intellectual; he captures the true heartbreak of mortality, not the knowledge that the world continues on without us but a realization that the human mind—its quests and frontiers—flies on, too.

Ob man hier das fast physisch nachvollziehbare Erlebnis, auf einem Pferd sitzend ein röhrendes Flugzeug über sich zu entdecken, mit dem ersten Erleben einer Situation in der virtuellen Realität vergleichen kann? Ist das okay hier eine Analogie herzustellen?

“Moving hundreds of bodies around in large vessels will go out of fashion” – diese melancholische, aber sachliche Beschreibung, Herleitung und Reflexion der technologischen Veränderung, einer sich wandelnden Kulturtechnik und allen damit verbundenen Routinen, passt hervorragend zu dieser aufgeräumten und verlässlichen Umgebung einer New Yorker Ausgabe, bei der man sich ja jedes mal wundert, wie in ein so dünnes Heft so viele lange Geschichten passen. Und bei aller Kritik an Twitter, wo würde man sonst diese lakonischen Kurznachrichten des Autoren lesen?

In einer anderen Ausgabe des New Yorkers einen Text von Ben Lerner über Museumskonservatoren gelesen. Und mich dabei die ganze Zeit gefragt woher ich den Namen Ben Lerner kenne, bis mir endlich einfiel, dass er der Autor von Leaving the Atocha Station ist. Sofort sein neues Buch bestellt. Und angefangen mir seine Person und sein Leben neidisch zu imaginieren. Ein MacArthur Fellowship, Eltern arbeiten als Familientherapeuten in der amerikanischen Provinz, Professor in New York und 2011 gewann er den Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie. Was will man mehr. Wahrscheinlich läuft er gerade mit hochgeschlagenem Mantel durch die windigen Straßenschluchten und dann kauft er sich einen Flat White bei Starbucks und gerade als er die Glastür öffnen will, geschieht irgendwas. Hier müsste sich Roger Willemsen jetzt was ausdenken. Aber das geht ja nicht. Und wir sind allein. Mit Jan Böhmermann, Carolin Kebekus, Harald Martenstein und Christopher Lauer. Es ist schrecklich.

Es regnet weiter. Und wir hören Bill Withers, schauen später noch den Pixarfilm Inside Out und Hotel Transylvania. Es gibt Hommos und später Kuchen im Cafe Hinterland. Clausnitz ist sehr weit weg.