Lobby Lud

By Marcus on 28. September 2013 — 2 mins read

Speaking of which. Ich bin gerade in Wien auf einer Game-Konferenz wo Holly Gramazio von Hide&Seek gestern eine Keynote gehalten hat. Sie erzählte unter anderem von Lobby Lud, den ich so gar nicht kannte. Lobby Lud is a fictional character invented in August 1927 by the Westminster Gazette, a British newspaper.

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Eine Art historisches Newsgame, wenn man den Begriff in seiner weiten und recht flexiblen Ausprägung (Newsgames is just a name for games put to use in the context of journalism. And I mean that in the broadest sense, Bogost) betrachtet. Ein Spiel im Kontext von Journalismus. Und was für eins. Es ist 1927, die Leute fahren in den Urlaub und kaufen da keine Zeitungen, also tüfteln die Damen und Herren der Westminster Gazette einen Plan aus. Ein fiktionaler Charakter wird in die umliegenden Seebäder geschickt. Der Erste der ihn mit einer Zeitung in der Hand erkennt und identifiziert, bekommt £5, rund £253.00 in 2013. Die Leute rasten aus. Sonderzüge in die Seebäder, falsch identifizierte Lobby Luds, die in Telefonzellen eingesperrt um ihr Leben fürchten, etc… (*)

Es sind die 1920er Jahre. Kreuzworträtsel sind relativ neu: Anfang der 1920er Jahre gab es die ersten Kreuzworträtsel in europäischen Zeitungen und Zeitschriften. Das erste Kreuzworträtsel in einer deutschen Zeitung druckte die Berliner Illustrierte1925…

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In einem anderen sehr tollen Talk sprach Jarsolav Svelch über This game in revenge: Non-emtertainment uses of homebrew computer games in the 1980s Czechoslovakia. Am Ende stand er in diesem holzvertäfelten riesigen Raum unter einem monströsen Kronleuchter und blickte nach oben und sagte dann etwas, was viel zu selten gesagt wird: Wir sollten den gegenwärtigen Zustand der Dinge nicht immer als absoluten Maßstab nehmen, es könne schließlich sehr gut sein, dass das alles hier gerade nur eine kurze historische Zufälligkeit sei, nicht so sicher wie wir immer dächten und auch nicht in Stein gemeißelt und für immer.

Das lässt sich natürlich phantastisch aus einem Forschungsschwerpunkt herleiten, der ein Nischenthema behandelt, das in einem Staat angesiedelt ist den es gar nicht mehr gibt. Man könnte es natürlich auch auf den gegenwärtigen Status Quo des Journalismus in westlichen Industrienationen anwenden. Da wo vor nicht mal 100 Jahren gut gekleidete Menschen kollektiv dabei ausrasteten, einen verkleideten Mann zu suchen – mit einer Zeitungsausgabe in der Hand. Und einem sehr konkreten Ziel: £5.

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