KI

By Marcus on 28. September 2016 — 5 mins read

Ich habe nur H.G. Wells gelesen, ein paar Zeitungsartikel. Dann erklang das Lied einer künstlichen Intelligenz.

Nichts fühlt sich so alt an, wie Zukunftsentwürfe aus der Vergangenheit. Habe ich vor kurzem irgendwo gelesen. Mag sein. Die Prognosen und Phantasien sagen natürlich immer mehr über das jeweilige Zeitalter aus in dem sie entstanden sind, als über den fiktionalen Berichtszeitraum.

Und doch dienen und dienten sie immer und immer wieder als Blaupause für dann real erfolgte Erfindungen und Gebrauchsgegenstände des alltäglichen Lebens. So wie das Klapptelefon aus Star Trek oder das Natural User Interface in Minority Report. Als ob sich der zu erahnende Kern einer noch fixen Idee von Patina befreit und urplötzlich neu, anders und doch irgendwie bekannt materialisiert habe. Ähnliches kann man so vor allem in der Mode beobachten, wo eine Idee, ein Stoff, ein Look, ein Objekt oder eine Silhouette plötzlich vertraut und doch anders und eben ganz neu, einleuchtend und schön ganz einfach da ist. Eins der für mich größten Mysterien, wie dieser Prozess immer und immer wieder neu funktioniert.

Kühn und poetisch

Ich habe gerade die Zeitmaschine von H.G. Wells gelesen. Ein Buch aus dem Jahr 1895. Vielversprechend als Geburtsstunde der modernen Science-fiction auf der Rückseite des Buches angepriesen. Kühn und poetisch. Die Schrift eines genialen Visionärs. Wells macht es sich dann – wie ich finde – doch etwas einfach, denn seine Zeitreise geht direkt mal in das Jahr 802.701. Ins Abenteuerland der Phantasie. Hier sieht es ein bisschen aus wie auf dem Planet der Affen. Und zwar in den abgedrehten Fortsetzungsteilen der 1970er Jahre. Zumindest was Landschaft, Gewänder und Überreste längst vergangener Tage anbelangt. Bei Wells reist man auf einer Art Fahrrad, das ich mir als gepimptes Trimm-Dich-Rad vorstelle. Es gibt ein bisschen Ekel, ein bisschen U-Bahnschacht, Industrialisierung, ein bisschen Liebe, die Teletubbies, einen dunklen Wald und den obligatorischen Besuch in einer Art Museum in dem – wenig verwunderlich – gegenwärtige Dinge historisiert vor sich hin schimmeln.

Die einzige Erkenntnis des Buches bleibt: Der Zeitreisende ist am Ende weg. Eigentlich ist auch ein bisschen egal wo. Denn alles macht weiter. Die Blätter fallen, verwelken, es wird kalt und wieder warm. Die Zurückgebliebenen altern, kriegen Falten und dünnes Haar.

Das Ende

„Liebling, ich habe etwas ganz Wichtiges gelernt: Niemand weiß, was am Ende passiert, also sollte man den Weg dorthin ruhig genießen.“ Das raunt nicht zufällig die Lebensabschnittsgefährtin dem fiktionalen Erzähler bei Wells zu. Das ist der letzte Satz in dem vor einigen Jahren durchgereichten Werk „Besser als die Wirklichkeit“ von Jane McGonigal, einer offenbar stets gut gelaunten und sehr motivierten Game Designerin, die mit ihrem Werk zum Modethema Gamification für ein bisschen Aufregung hier und da sorgte, bevor diese sich wieder legte. Falls jemand dieses Buch bis ans Ende gelesen hat, ist ihm oder ihr dann dieser Kalenderspruch vielleicht irgendwie sauer aufgestoßen. Ein Satz von der motivatorischen Tiefe einer lustigen Postkarte mit dem Aufdruck „Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist, dann ist es eben nicht das Ende.“ Oder so ähnlich. Vielleicht gucke ich deswegen gerne Zombie-Serien, weil sie immer von einem Ende handeln und dem was nach dem Ende passiert während alle versuchen, dieses möglichst lange hinauszuzögern. Und gut ist hier eben auch immer nichts. Und wenn, dann zumindest nicht sehr lange.

Zurück in die Zukunft. Denn ich saß eben in einer Hotellobby des so genannten Sporthotels im Wiener Schlachthofviertel, einer Lobby von der ich mir nur schwerlich vorstellen kann, dass sie mal bei einer irgendwann erfolgten Eröffnung des Hotels als strahlendes Beispiel einer zukunftszugewandten Moderne dienlich war, dass sie überhaupt mal eine Gegenwart abbildete, von der ich mir kaum eine Vorstellung machen kann. Da saß ich, weil es nur dort einen funktionierenden Zugang zum Internet gibt. Beim von mir und anderen immer noch genutzten Kurznachrichtendienst Twitter fand ich den Hinweis auf einen Artikel, der über den angeblich ersten von einer künstlichen Intelligenz komponierten Popsong berichtete, inklusive eingebettetem Musikvideo. Es klang fürchterlich. Und unmenschlich menschlich.

Aber anders

Und hier zeigte sich, dass das was eine natürlich von Menschen gefütterte so genannte künstliche Intelligenz unter einem Popsong versteht, weder mit kalten technologischen Klängen wie beispielsweise bei dem Musikprojekt The Void des Internet-Künstlers Rafaël Rozendaal zu tun hat, noch mit der so genannten PC Music. Diese aneinandergereihten Töne passten letztlich sehr gut in diese Hotellobby hier, weil sich beides vertraut und doch falsch anfühlte. Als ob sich etwas verschoben habe ohne dass man diese Verschiebung benennen oder beschreiben hätte können. Es war so wie es war, aber anders.

Mir ist vollkommen klar, dass ich diese Formulierung aus dem Buch 22:04 von Ben Lerner habe, ein Buch das mir auch nicht ganz klar ist, dem es aber gelingt, eine sehr gegenwärtige und verschachtelte Gleichzeitigkeit von Erzählsträngen, Sounds und Geschichten irgendwie zusammenzubinden, ein Buch das so versucht Sinn zu schaffen oder zumindest eine irgendwie glaubwürdige Beschreibung der eigenen Wirklichkeitsverarbeitung zu bieten. Ein vielleicht ehrlicherer Versuch als das vermeintlich Unvermeidliche von diesem Typen aus Norwegen, dessen Artikel hier und da mir nie wirklich gefallen.

Systemfehler

Wenn man über die mächtigen Möglichkeiten von Literatur nachdenkt – und allein die ganzen aktuellen Rezensionen zu Christian Krachts neuem Roman zeugen ja von so viel ordentlichen Gehirnwindungsaktivitäten – fällt schnell auf, auf welch niedrigem Niveau derzeit über die Möglichkeiten von Mixed Reality Anwendungen im geisteswissenschaftlichen Bereich nachgedacht wird. Vielleicht fällt auch nur die Phantasielosigkeit auf.

Das Frankfurter Städel Museum will oder hat nun offenbar zusammen mit Samsung eine VR-Anwendung im Angebot, bei der man mit einem Wisch die Skyline des 20. Jahrhunderts beiseite wischt, um maßstabsgetreue Ansichten vergangener Jahrhunderte zu zeigen. Eine schöne Idee – natürlich. Bald auch sicher in Hong Kong, wenn man da auf diesen Berg hochfährt und in einem klitzekleinen Museum alte schwarz-weiß Fotografien anschauen kann auf denen nichts drauf ist, weil außer einigen Fischerbooten eben auch noch nichts los war. Bald dann technisch neu. Und vielleicht gar nicht besser.

Was wäre denn, wenn man diese 360 Grad Abbildungen vergangener Jahrhunderte nicht nur anschauen, sondern betreten könnte, um sich dort frei zu bewegen, um Häuser zu betreten und mit – Achtung, Achtung – künstlich erzeugten und doch täuschend echt ausschauenden Entitäten zu plaudern? Ach so, das wäre dann ja Westworld 1973*. Und wenn ich mir das recht überlege, glaube ich langsam, dass das Sporthotel in Wien eine Computersimulation ist. Niemand weiß, was am Ende passiert. Also sollte ich den Weg ruhig genießen.

*Durch einen Systemfehler kommt es zu Störungen in den automatisierten Abläufen des Freizeitparks und zu Fehlfunktionen bei den Robotern…