Kanzi

By Marcus on 24. November 2016 — 3 mins read

Edi hat seine erste Einzelausstellung in Berlin. Ich hab eine Art Pressetext geschrieben. Morgen startet das Ganze. Ich freu mich sehr. Talk to me pretty.

Nein. Der Affe blickt auf, ganz langsam, wir sitzen in einem Kino und starren in diese riesigen Augen, die dunklen Augen mit dem feuchten Glanz und der Kopf hebt sich und das Maul schließt sich und dann öffnet es sich wieder und es kommt ein Laut da raus, kein Laut, ein Wort, ein menschliches Wort, dieser Affe spricht und ich drücke mich tiefer in den Kinosessel und der Affe sagt Nein, er brüllt es voller Hass. Nein! Und das Wort breitet sich aus, fliegt durch den Raum, erfüllt ihn und verhallt.

Man kann nicht kommunizieren. Steht im Schuljahrbuch über einem Text. Wir müssen alle dieses Schuljahrbuch aufschlagen. Die automatische Textkorrektur hat das zweite „nicht“ gelöscht. Denn man kann nicht nicht kommunizieren. Sagt Paul Watzlawick. Er ist Kommunikationswissenschaftler. Er muss es wissen. Denn jede Kommunikation sei ja Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten könne, könne man eben auch nicht nicht kommunizieren. Schlauberger. Wir müssen das zweite „nicht“ händisch nachtragen. Obwohl es natürlich falsch ist. Wir können nicht kommunizieren. Weder mit unseren Eltern, noch mit unseren Lehrern und kaum untereinander. Es ist 1994. Wir haben keine Telefone dabei und waren noch nie im Internet und die Idee eines Cyberhighways mit Datenhandschuh klingt deutlich einleuchtender als es Facebook oder Instagram oder Whatsapp oder Snapchat je getan hätten.

Wir können nicht kommunizieren. Immer noch nicht. Wir senden und senden und empfangen und empfangen, aber dieser Prozess ist entkoppelt. Er entgleitet uns. Facetime geht nicht und das begonnene Gespräch unterbricht ein anderes begonnenes Gespräch und vermutlich könnte es nebenan ein noch viel besseres Gespräch geben. Und außerdem hat er die Nachricht gelesen, weil diese Häkchen blau sind. Aber hat er sie verstanden? Versteht er mich? Und: Wo bist Du? Kannst Du mich hören? Kannst Du mich hören? Wir haben uns in einem Zeichensystem verfranzt, Metaebenen stapeln sich, verkanten sich, alte Memes, Codes, flackernde GIFs verstopfen die Risse. Hässliche Emojis mit aufgerissenen Mäulern fahren durch unsere Echokammern. Wir rufen und rufen, weil es hier so herrlich hallt.

Und wir reden und reden. Mit Maschinen. Und mit Dingen. Mit der Fernbedienung, mit dem Telefon, mit der Blumenvase, dem Auto, dem Schlüsselbund. Wir reden, aber wir kommunizieren nicht. Wir stellen Forderungen, Anfragen, erteilen Befehle, wollen wissen. Aber wir hören nicht zu. Dear picture do you like yourself, fragt Jonathan Meese in einem mäandernden Monolog den man sich bei YouTube anschauen kann. Moment. Gute Idee. Hallo Bild. Wie geht es Dir? Was willst Du und was hast Du die ganze Zeit so gemacht?

Jetzt gerade fliegt eine von Menschen gebaute Raumkapsel durch den interstellaren Raum. Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. An Board ist eine mit Gold überzogene Datenplatte mit Grußbotschaften an Außerirdische. Herzliche Grüße an alle – in 55 Sprachen. Dazu Zeichnungen unserer Anatomie, unserer Geschlechtsorgane, von Eizellen und stillenden Müttern. Wie geht es Euch? Was wollt Ihr? Und was habt Ihr die ganze Zeit gemacht? Irgendwo in Iowa sitzt ein 36 jähriger Bonobo-Affe in seinem Käfig. Er heißt Kanzi, er knackt Nüsse mit einem Werkzeug, das er selbst gebastelt hat, er röstet Marshmallows, guckt Videos, spielt Pac-Man und er kann mittels eines künstlichen Zeichensystem kommunizieren.

Und genau hier ist der Weg aus den endlosen Echokammern, all diesen Selbstgesprächen und haarscharf aneinander vorbei schießenden Dialogen. Mit anderen Zeichen, als andere Größen, mit all diesen Gesprächspartnern. Jetzt gleich. Ihr Wände: Hallo. Ihr Skulpturen: Hallo. Hallo Boden. Hallo Kunst. Ihr Tiere: Hallo. Und Ihr Menschen: Hallo. Wie geht es Euch? Was wollt Ihr? Und was habt Ihr die ganze Zeit so gemacht?

Danartono – Slow Lettuce – 26.11.16-4.2.17
Lesliegallery / English version

Kanzi is a male bonobo