Intimacy Economy

By Marcus on 11. November 2015 — 3 mins read

Leigh Alexander hat Einzelbeobachtungen der letzten Zeit zusammengebracht, reflektiert und auf den Punkt gebracht. Sie hat einen Text bei Medium veröffentlicht und ein neues Begriffspaar erfunden.

„Hallo, ich bin M, dein persönlicher Assistent im Messenger. Du kannst mich jederzeit erreichen.“ Das steht auf einem Screenshot in einem weiteren Artikel bei Medium in dem Arik Sosman Facebooks
recently launched limited beta ground-breaking AI namens M testet.

What I Instagrammed

„Creating the impression of intimacy is becoming increasingly crucial to the content economy today, and it’s happening everywhere“, schreibt Leigh und listet Beispiele auf: Companies, Celebrities, Colleagues (CCC).

Interessant daran ist vor allem, dass jedem und jeder der / die soziale Medien nutzt, letztlich klar sein müsste / sollte / könnte, dass es eine ganz offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Dargestellten und wirklich Erlebtem gibt: What I Instagrammed Vs. What Was Really Happening, Or My Entire Life Is A Lie.

Aufmerksamkeit und Anerkennung

Auch wenn das jüngst durchgereichte Beispiel O`Neill zeigt, dass die Kunde ggf. doch noch nicht überall angekommen ist. Schließlich ist „the gulf between. All the things I need. And the things I receive… an ancient ocean.“

Die bewusst und unbewusst eingesetzten Strategien der CCC sind natürlich einem neuen medialen Umfeld geschuldet, eine Reaktion auf den Informationsüberfluss, die Gleichzeitigkeit, Schnelligkeit und dem damit verbundenen bzw. empfundenen Zwang sich hier positionieren zu müssen, mitzumachen, im Idealfall aufzufallen, um Aufmerksamkeit, Anerkennung und ggf. eine Anstellung zu finden.

Mitmachen müssen

„Alle sagen uns wir müssen zu einer Marke werden.“ Diese Klage habe ich in den letzten Wochen sehr häufig von jungen Journalistinnen und Journalisten gehört, denen man jetzt – geprägt von der eigenen Überforderung – einbläuen möchte, hier mitmachen zu müssen.

Was passiert wenn alle – egal ob Company oder Celebrity oder Colleague – gleichzeitig echt, authentisch und vermeintlich real, individuell, tatsächlich und genuin sein wollen und mit einer menschlichen Stimme sprechen wollen?

Camp, Creamcake und Cyrus

Nun dann passiert das, was immer passiert. Das Gegenteil. Und wenn man möchte kann man Phänomene wie die beispielsweise 2013 begonnene“PC Music’s aesthetic“ als eine Art recycelte Version des Camps verstehen: „Camp ist eine stilistisch überpointierte Art der Wahrnehmung von kulturellen Produkten aller Art, die am Künstlichen und der Übertreibung orientiert ist“

Nur, dass diese Strategie im begonnenen 21. Jahrhundert ins Leere läuft. Da der generelle Zyklus von Ablehnung zur Einverleibung (Hebdige) sich deutlich beschleunigt hat, ist es demnach auch keine Frage der Zeit mehr bis das Künstliche, die Bricolage, Dinge wie die Ästhetik rund um die Veranstaltungsreihe Creamcake in Berlin, Soundclouds Subculture und ähnliches in die New Intimacy Economy einverleibt werden. Sie sind längst da und wohnen auf dem Instagram-Profil von Miley Cyrus.

Papperlapapp Post-Privacy 

Positiv gelesen heißt die New Intimacy Economy aber auch: Die vor einigen Jahren von vielen panisch geäußerte Sorge vor der drohenden Post-Privacy relativiert sich in dem Moment, in dem die mannigfaltig digital geäußerten Stimmungen, Meinungen und Momentaufnahmen strategisch als Intimität umgedeutet werden.

Findige digitale Nutzerinnen und Nutzer sind eben sehr gut darin ein gutes Foto vom Essen und ein gutes Foto von sich selbst aufzunehmen und zu posten. Missglückte, später geleakte Fotos auf Snapchat werden dann einfach als Authenizität verkauft und können so noch den Marktwert steigern. Die Schnittstelle zwischen Inszenierung und der klaffenden Lücke mit Einblicken in die reale und auf keine Weise nutzbare Abbildung des Alltags, macht meiner Ansicht nach übrigens Tinder als Phänomen so interessant.

Wer wir sind / seien wollen

„Everyone who makes anything digital is monitoring the exchange rate to survive“, schreibt Leigh Alexander. Evan Spiegel, der CEO von Snapchat würde entgegen: „I’m the result of everything I’ve ever done, but I’m not the accumulation of all that stuff.“

Wer wir denn dann jeweils sind, werden wir so nicht erfahren. Wenn wir hinschauen, erfahren wir aber vielleicht wer wir alle gerade seien wollen. Ein Anfang und ein Angebot.

Unzusammenhängendes schönes Zitat

Bevor Glucksmann mit seiner Rede begann, korrigierte er mich sanft, in seinem charmant französisch eingefärbten, aber treffsicheren Deutsch: „Du irrst, mein Lieber. Nicht die Zeit vergeht. Wir vergehen.“ (*)

Eine etwas poliertere Version gibt es jetzt nebenan bei Medium.