HyperNormalisation

By Marcus on 25. Oktober 2016 — 4 mins read

Kurzer Status Update vom Kölner Hauptbahnhof, inklusive Textempfehlung (Hyperkultur und Kulturessenzialismus) und Verweis auf Adam Curtis.

Vor kurzem gab es doch irgendwo diesen Text über diesen 30jährigen weißen Amerikaner der die Versklavung der Menschheit durch Mobiltelefone, ach was, die Versklavung durch us-amerikanische Konzerne, ach was, die Versklavung der Menschheit durch andere 30jährige weiße männliche Billionäre beklagte und jetzt ständig auf Veranstaltungen, bei denen man seine elektronische Geräte am Eingang in eine Pappbox legen muss, spricht und diskutiert und er hat mal für Google gearbeitet aber da hat man sich das zwar interessiert angehört aber passiert ist nichts und deswegen macht er dieses Beklagen über den Status Quo jetzt glaube ich als Vollzeitjob, ständig muss er nun mit allen reden, mit Leuten die das alles und noch viel mehr auch doof finden, dieses ständig auf das Telefon schauen, während draußen riesige bunte Schmetterlinge ungesehen durch die Luft flattern und Regenbogen den Weg zu Goldtöpfen weisen, die niemand jemals entdecken wird.

Have you ever?

Ich sitze gerade bei Starbucks mit einem Pappbecher (sorry, not sorry, doch sorry) und mein Telefon steckt in der Steckdose (8%) und auf der anderen Seite steckt es via Kopfhörer in meinem Ohr, weil ich eine Liveversion von „One with the freaks“ von Notwist immer und immer wieder höre, weil es ein sehr schönes zurückgenommenes Gitarrenintro gibt, dass es so in der normalen Version nicht gibt, was ich entdeckt habe, weil ich ja jetzt Spotify nutzte und da war dann dieses Album aus dem Jahr 2016 was ja faktisch jetzt gerade ist.

Have you ever been all messed up?

Im Moment sammelt und stapelt sich ganz viel herum um mich. Band 242 des Kunstforums, jetzt neu von Mike Meiré (sichere Bank, war ja klar, egal, sieht gut aus) gestaltet, Thema postdigital 1. Bestellt, gleich das Probeabo abgeschlossen und dann beschlossen ordentlich, aufgeräumt, sauber und gut das ganze Ding von vorne bis hinten durchzuarbeiten. Das sind 382 Seiten. Vorwort, Nachrichten und Einführungstext soweit so gut. Allerdings musste ich heute nach einhundert Jahren dann die Spex kaufen (Male Issue) – stand im Kalender (18 Uhr Spex kaufen) – ebenfalls neu gestaltet (okay) und Marcel Beyer und vor allem ein schmaler Sandra Grether Text über Rio Reiser (sofort aktuelles Buch kaufen) und Play anything von Ian Bogost liegt noch rum, der sich dankenswerterweise an dieser Wasser/Fischrede von David Foster Wallace abarbeitet, auch wenn ich sonst noch nicht so richtig sehe auf was das Ganze hinausläuft und ich dieses objektorientierte Wie-fühlt-sich-der-Rasen noch nicht ganz kriege, so hat sich die Lektüre schon wegen dem Intro und Foster Wallace Weiterdreh gelohnt. Kann der mal bitte Christian Kracht mäßig auf Lesetour gehen? Würde in der Buchhandlung ausharren und später würden wir Doritos essen und über Pixarfilme reden und über den späten Lou Reed, es würde ein schöner Abend werden, irgendwo in einer mittelgroßen deutschen Stadt.

Have you ever?

Zurück zum Telefon. Denn auf dem las ich heute morgen im Regionalexpress zumindest fast aufmerksam den Text Zwischen Hyperkultur und Kulturessenzialismus, weil die Facebook-Filterblase auf verschlungenen Wegen dahin führte. Pro Tipp Eins: Fußnoten lesen. Pro Tipp Zwei: Namen in Texten googlen. Pro Tipp Drei: Verlinkte Texte angucken und lesen. Oft besser als der Text der verlinkt. Fertig. Ein akademischer Brocken. Ein Textmonster. Zum Ausdrucken und Textmarkern oder noch mal lesen: Die Spätmoderne im Widerstreit zweier Kulturalisierungsregimes. Danke Telefon.

You’re the pin card

Auf der To Do Liste: Adam Curtis Sachen angucken. Kannte ich nicht. Macht ja nichts. Erzählt F im Cafe von, weil TF ihm davon erzählt hat. Und der wiederum hat offenbar seine immer immer immer lesenswerte Kolumne bei Spike Art Quarterly eingestellt. Sehr schade und zeitlich kurz nach dem ich irgendwo in einem Text gelesen habe, dass jemand diese Kolumne lobte. Koinzidenz. In einer der letzten Kolumnen der Satz: Öffentlichkeit ist ja heute eigentlich so ein Wort wie Prominenter, Fernbedienung, Gassenhauer oder Füllfederhalter. Zeit also, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen? Zu verschwinden? Aber wer schreibt jetzt wo genau etwas auf? Und wo gucke ich The Neon Demon und welche Serie soll ich jetzt gucken und was für Schuhe wären jetzt genau richtig? Und gibt es eine umfassende Dokumentation von 3hd?

You’re the lifeguard

In der Bahnhofshalle hängen sehr schreckliche Sonnenblumen an grünen Netzen von der Decke. Eine Herbstdekoration. Wer macht sich solch eine Mühe für ein so grausames Ergebnis. Wer verbringt den ganzen Morgen auf riesigen Leitern, wer klettert da hoch, wer schaut sich das an und denkt: Ach schön, jetzt kann der Herbst ja kommen, diese Blumen bringen ein wenig Farbe in das triste Grau des Alltags. Hätten alle Beteiligten auf ihr Telefon geschaut und ihren Mitmenschen Sonnenblumen Emojis bei Whatsapp geschickt, hätten wir alle so viel mehr davon gehabt.

* Claire Marie Healy 

** Our world is strange and often fake and corrupt. But we think it’s normal because we can’t see anything else. HyperNormalisation – the story of how we got here.

Update: Und 15 Minuten später im Zug der lange Dirk Peitz Wired-Text über Hypernormalisation