Gegenrede

By Marcus on 9. Juli 2012 — 2 mins read



Über die bei Meedia dokumentierte Rede von Stephan Weichert am 21. Juni 2012 auf der Generalversammlung des Verbands Österreichischer Zeitungen habe ich mich jetzt seit knapp einer Woche aufgeregt. Warum?



Weichert sagt gegen Ende der Rede Folgendes: „Es ist peinlich, meine ich, wenn der europäische und vor allem der deutschsprachige Raum mit seiner langen Pressetradition ständig hinterherhinken und weiterhin nur die Trends aus den USA abgucken würde….Die Devise muss lauten: Innovieren statt kopieren!“



Absolut! Recht hat er, der Mann. Aber warum macht er dann genau das? Weichert kopiert Allgemeinplätze und bereits bekannte Thesen angelsächsischer Experten und verkauft diese als eigene innovatorische Leistung. 



Er sagt zum Beispiel: „Ich nenne das Liquid Journalism…“. Damit erweckt er den Eindruck er habe „das Modewort der Liquid Democracy“ „auf den Medienbereich“ übertragen. Dabei gibt es den Begriff seit mindestens März 2006, als Mark Deuze von der Indiana University unter dem Titel „Liquid Journalism“ ein Working Paper veröffentlicht. Deuze selbst verweist in einem Blogposting ein gutes Jahr später auf ein Buch, in dem er den Begriff gefunden hat: Liquid Life von Zygmunt Bauman (2005). Das ist wissenschaftlich. Und passt auch sehr gut in die von Weichert prognostizierte „neue Epoche des Qualitätsjournalismus“. Quellen angeben. Natürlich kann man im Kontext einer Rede keine gesprochenen Fußnote einschieben, aber sagen wo etwas herkommt, statt zu behaupten man selber habe die Begriffsbildung übernommen, wäre – nun ja – eleganter.



Besser wird die Sache auch nicht unbedingt durch die Verwendung der deutschen Kopie weitläufig bekannter amerikanischer Zitate. Weichert zitiert „Blogger Richard Gutjahr“ der – Zitat – kürzlich sehr gut pointiert gesagt habe: “Wir alle befinden uns einem einzigen soziologischen Experiment, in einer Übergangsphase. Womöglich brauchen wir nicht noch mehr Information, sondern Leute, die den Informationsstrom filtern.” Weichert kann zitieren wen er will und mag. Dass er aber Richard Gutjahr zitiert, der letztlich bekannte Aussagen von Clay Shirky ins Deutsche übertragen hat (- was natürlich auch nicht im geringsten ein Vergehen ist), die aus den Jahren 2008 („It’s Not Information Overload. It’s Filter Failure.“ ) und 2010 („If I was going to start a news business tomorrow, I would start a business that was not designed to produce one new bit of news.“) stammen, macht die Aussagen nicht falsch, aber auch nicht sonderlich innovativ.



Schlampig recherchiert beziehungsweise schlichtweg falsch ist Weicherts Behauptung , dass Transmedia Storytelling sich bisher „auf fiktionale Stoffe“ beschränkt. Das stimmt nicht. Aber offenbar kennt Weichert weder das mit 2 Webbys ausgezeichnete transmediale Projekt „Love Letters to the Future“ von Greenpeace, noch das aufwendige Highrise-Projekt des National Film Boards Canada und auch nicht Awra Amba, Breakthrough, Resist Network, etc… Oder er hat einfach nicht gegoogelt.

Ere thrice the sun hath done salutation to the dawn….

Update: Am 12. Juli postet Herr Weichert kommentarlos seine sieben Wege noch mal auf seinem Hausportal Vocer, inkl. neuem Verweis auf Deuze und Textänderungen beim Thema Gutjahr – der das plötzlich nicht mehr “kürzlich sehr gut pointiert” gesagt hat, sondern  kürzlich “noch einmal sehr gut pointiert” hat. Dazu eine Präzisierung beim Thema Transmedia Storytelling (“vor allem nicht-journalistische Inhalte”).

Ich will hier keine Korinthen kacken und das um alles in der Welt nicht weiter ausdehnen,  aber das Ganze ist – noch mal und ergänzend unter Beweis gestellt – nicht sonderlich smart. 

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