Digital Make-Believe

By Marcus on 29. April 2016 — 3 mins read

Im Spike Art Quarterly Kunstmagazin erzählen der Kurator Anselm Franke und der Künstler Ian Cheng Interessantes. Leider jeweils in einem anderen Gespräch.

Ian Cheng ist ein Kognitionswissenschaftler der statt in einem Labor zu verschwinden beschlossen hat lieber Künstler zu sein. „In der Kunst kann man sich seine Fragestellungen selbst aussuchen, egal wie anmaßend sie sind. Kunst legitimiert sich darüber, welche Perspektiven sie anbieten kann, egal wie experimentell oder fantastisch sie auch sein mögen, und das gibt einem als Künstler viel mehr Freiheit.“ (*)

Im Hintergrund läuft der Boiler Room Auftritt von Mobilegirl. Wir sind jetzt bei dem Übergang 14:49. Nachher kommt noch Mechatok vorbei.

Anselm Franke ist Kurator und Leiter für Bildende Kunst und Film am Berliner Haus der Kulturen der Welt, hier hat er eine Sonnenbrille auf und raucht und im Spike Art Quarterly redet er über ein Werk das für ihn wichtig ist, er redet über Harun Farocki´s Parallel I-IV (2012-2014) – Teil I gibt es bei YouTube den Rest gerade in der Whitechapel Gallery und ganz zufälligerweise oder auch nicht zufälligerweise beginnt der erste Text im Katalog zur Ausstellung „Electronic Superhighway“ in der Whitechapel Gallery mit einem zentralen Satz aus dieser Videoinstallation.

„Reality will soon cease to be the standard by which to judge the imperfect image. Instead, the virtual image will become the standard by which to measure the imperfections of reality.“

Franke: Es ist genau dieses Verhältnis zwischen dem Repräsentierten und seiner Repräsentation, das sich gerade grundlegend wandelt. ‚Realität‘ ist nicht mehr das Maß für das immer unzulängliche Bild; stattdessen wird das Bild zunehmend zum Maß für eine immer unzulängliche Realität. Das Bild, hat Farocki gesagt, wird idealtypisch. Vielleicht wird ‚Realität‘ damit selbst zur Abweichung. Ich stelle mir dieses neue Regime als einen klinischen Neo-Positivismus vor, eine Welt in der jede Bewegung registriert wird, alles Unbekannte und jede radikale Kontigenz hysterisch verhindert wird, und in der Maschinen zunehmend die Aufgabe übernehmen die Welt für uns zu interpretieren. Schon jetzt passen wir unser Verhalten jener Welt an, in der unser Gegenüber zunehmend aus Daten besteht.

Und an dieser Stelle blättert man dann am besten rasch 70 Seiten nach vorn.

Cheng: „Bisher beruhte die Kritik an Simulationen auf der Unterscheidung zwischen einer simulierten, nicht-authentischen Welt und einer realen, authentischen Welt. Ich hasse diese Unterscheidung. Sie ist grundfalsch, schließlich kann der Mensch eh nie wirklich an den kompletten Strom der Realität andocken. Um überhaupt zu funktionieren, muss er Realität immer simulieren und das Leben in kuratierte Ausschnitte einteilen, sonst würde sein sensorischer Apparat kollabieren….Ein Mensch zu sein heißt, kleine Mikro-Ausschnitte der Wirklichkeit zu simulieren um sich zurecht zu finden und dann zur nächsten Simulation zu wechseln.

Ach, wenn die beiden sich doch jetzt unterhalten könnten, über Realität, Zukunftsentwürfe und die Rolle von Maschinen und KI. Chengs Traum: Gleichberechtigt mit einer KI ein Kunstwerk erschaffen. Der ebenfalls im Heft vorgestellte Künstler Stelarc würde bei dem ein oder anderen Stichwort ungefragt auf der Bühne erscheinen und beispielsweise von dem künstlichen Turbinenherz erzählen, das in der Brust arbeitet, aber nicht schlägt.

An dieser Stelle springe ich beim Mobilgirl-Set nach vorn zu Minute 49:50, denn da mischt sie den ziemlich erfolgreichen Hit Overdose von Ciara mit einem Lied von dem ich erst dachte dass es von et aliae ist. Ist aber doch was anderes? Egal. Und dann wieder zurück auf 41:28. Ankunft Mechatok.

Off-Topic: Das Buch Digital Make-Believe kostet 60,98. Statt dessen habe ich das Lieblingsbuch von Cheng bestellt.