Die aus der Zukunft kommende Zeit

By Marcus on 27. Februar 2017 — 3 mins read

Fast vier Jahre nach #Akzeleration Armen Avanessian gelesen. Im Park Center Treptow. Miamification. Den Begriff CUI gelernt und über AR as a Dramatic Medium nicht wirklich nachgedacht.

Im Autoradio dann später ein Gespräch mit René Pollesch, der über das Verstehen als reinen Akt des Zuhörens spricht. Ihm ginge das auf die Nerven, das irgendeine Journalistin nach einem Theaterabend geschrieben habe, dass sie zwar nix verstanden habe, aber dass das Stück trotzdem irgendwie gut sei. Koketterie mit Nichtwissen, vielleicht auch eher Denkfaulheit und Nicht-die-Mühe-machen. Trotzdem irgendwie schlecht. Überhaupt manische Sensibilität beim Radiohören derzeit, ob da jemand vom butterweichen Leder (kurz hinter dem Ostbahnhof) oder von den bebilderten deutschen Gerichten an der Wand eines Cafes in Kairo (am morgen in der Küche) berichtet. Ersteres evoziert ein Bild im Kopf. Und außerdem kann man, wenn man möchte, über butterweich, butterzart, den Geruch von alter Butter, Fleisch und was auch immer nachdenken. Im Staub des Feldwegs bildeten seine Tränen feuchte Klümpchen wie Tropfen heißer Schokoladen (Denton Welch). Zweiteres dreht „show don´t tell“ um. Ist das objektiver Nachrichtenjournalismus? Schrecklich anzuhören.

Konnte Armen Avanessian natürlich hier und da nicht verstehen, aber zuhören. Und „die aus der Zukunft kommende Zeit“ klingt so gut. Besser als die geforderte Zukunftsgenossenschaft. Dazu all diese Schilderungen am Sand, am Strand und anderswo. So eine Art Rückkehr nach Reims. Nur ohne Rückkehr und ohne Reims, aber die Vermengung von akademischen und anderem Schreiben. Komisch, dann quasi aus der Zukunft kommend bei YouTube ein Gespräch von Tilo Jung mit Georg Diez und AA zu sehen. 15 Monate ist das her und wirkt trotzdem sehr sehr weit weg. „Miamification“ als Titel, wie gut das klingt.

Ganz im Gegensatz zu dieser leicht wirren Verlagsankündigung: Die zukünftige Philosophie wird immer schon aus der Zukunft der Philosophie gekommen sein. „Miamification“ verschreibt sich an diesem Diktum. Im Modus eines Schreibstreams of Unconsciousness, der sich durch siebzehn submarine Nächte und Tage scrollt. Und dabei Miami abbrowst, unser Atlantis Futur Zwei.Null. Ich bin ja nicht dort. „Miamification“ spielt die Tektonik unserer asymmetrischen Zeit- und Raumachsen durch: „Immersion“ löst „Subversion“ auf; bye bye „information“, hello „computation“; „Hard core soft porn“ Californication is over, Miami „AI“ rules ok. Indikativ werden.

Im sehr schön gestalteten Reader der Transmediale, auf der ich dieses Jahr kein einziges Mal war, der Text „Can the Bot speak? The Paranoid Voice in Conversational UI“ von Benjamin H. Bratton: His current research project, Theory and Design in the Age of Machine Intelligence, is on the unexpected and uncomfortable design challenges posed by A.I in various guises: from machine vision to synthetic cognition and sensation, and the macroeconomics of robotics to everyday geoengineering. GUI, NUI, CUI – und endlich eine erste Antwort auf die Frage warum Bots nicht viel mehr Charakter haben, schlecht gelaunt designed sind, etc. Kurze Antwort: Weil wir dann nicht mit Ihnen Online-Banking betreiben würden.

Spannend die Bedeutung von CUI (Conversational User Interfaces) im Kontext VR / AR. Eingebettet in ein multisensorisches Gesamtsetting? Darüber, wie AA schreibt, noch Nachdenken. Im Augmented Reality Buch von Schmalstieg und Höllerer schnell ins Kapitel Future, Teilabschnitt „AR as a Dramatic Medium“ vorgeblättert. Wie immer steht in den kleinen Exkurskapiteln das Interessanteste drin: We must develop appropriate media forms for AR. New media do not have media forms per se… AR will be used by storytellers. Die Denkaufgabe nun: Das aus der Zukunft zu denken. Wenn:

– we no longer require different systems for AR and VR
– can transition between different levels of reality at will
– augmented virtuality experiences pass the Visual Turing Test [Shan et al. 2013]
– right before programmable matter {zu weit weg}.

Ansonsten steht da ab Seite 410 noch was zu „What May Drive Business Cases“ – das mal bei Gelegenheit (Professional Users vs. Consumers) in die Produktdiskussion nebenan bei Vragments werfen.

Armen Avanessian, Miamification, 2017

Dieter Schmalstieg, Tobias Hollerer  Augmented Reality, Principles and Practice, 2016

Ryan Bishop, Kristoffer Gansing, Jussi Parikka, Elvia Wilk, across & beyond. A transmediale Reader on Post-digital Practices, Concepts, and Institutions, Sternberg Press, 2017