Der VR-Masterplan

By Marcus on 4. September 2015 — 4 mins read

Nach der ersten Welle von Texten und Artikeln zum Thema Virtual Reality (VR) hätten wir ja Wesentliches geklärt. Zeit sich nun noch mal genauer anzugucken wer da eigentlich spricht, mit welcher Intention, welchem Blick auf die Welt. Wie überzeugend Argumentationen sind, aus welchem Referenzsystem sich die Akteure bedienen. Das alles jetzt gerade und mal wieder vor einem realweltlichem Hintergrund, zu dem Mic Wright pointiert das hier formuliert hat: Tech isn’t fixing humanity’s biggest problems.

What’s the Frequency, Kenneth?

Das sieht man bei Facebook sicher fundamental anders. Und da Facebook als Besitzer von Oculus aller Voraussicht nach sehr großen Anteil an der Gestaltung der näheren VR-Zukunft haben wird, lohnt es sich, sich noch mal eine Stunde lang ein Video von Facebooks diesjähriger Entwicklerkonferenz F8 aus dem Frühjahr anzuschauen. Hier ist es.

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Auftritt Mike Schroepfer, Chief Technology Officer Facebook. Schroepfers Job ist es offenbar, die nächsten zehn Jahre von Facebook in einem Dreischritt zu fassen. Und der sieht ungefähr so aus: Erstmal alle mit allen verbinden. Das haut hin, weil FB voll gute und moderne Infrastruktur hat. Allright. Natural Interfaces sind das zweite Projekt. Auch wenn Schroepfer danach eher über Maschinen-Optimierung spricht. Maschinen sind nämlich noch nicht schlau genug. Sie sollen mehr lernen, um Tischtennis von Tennis unterscheiden zu können, um dann bald unsere Jobs zu erledigen. Und dann kommt VR ins Spiel. Denn was sollen wir dann mit der ganzen Zeit anfangen? Uns gemeinsam virtuell und doch ganz real im virtuellen Raum bei emotionalen Tätigkeiten langweilen. Verzeihung, da ist mir etwas zu viel Interpretation reingerutscht. Das liegt allerdings daran, dass Schroepfer in seinem Slot nicht mit einer wirklichen Vision um die Ecke biegt.

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Es bleibt erschreckend dünn. Ungefähr so: Warum gehen wir zusammen ins Kino? Weil wir auf dem Weg zum Kino und danach mit Menschen plaudern. Und das ist voll gut. Wenn unser Kind keine Stützräder mehr braucht, dann können alle bald via Oculus mit dabei sein. Fast so gut wie Teleportation. Immersive Experiences. Das könne Facebook schon ein bisschen – vgl. Geburtstagsglückwünsche in der Timeline – aber in Zukunft eben noch viel besser. Nun ja. Es spricht eben der CTO. Der versichert, dass er sich das ein oder andere coole Video echt schon oft angeschaut habe. Nun ja noch mal.

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Dann betritt  Oculus Chief Scientist Michael Abrash die Bühne und wenn man bösartig wäre, könnte man zusammenfassen, dass er ein paar Science Fiction Zitate, ein paar optische Spielereien und ein paar Grundlagen des menschlichen Sichtfelds zusammenwürfelt, um dem Publikum im Stile eines Taschenspielers nahezubringen: Deshalb ist Virtual Reality relevant. Ich sage es Euch mal, weil Euch Mike und ähm irgendwie auch Mark selber irgendwie eine Antwort schuldig geblieben sind. Hey presto, here comes the Metaverse: The Path to The Metaverse. Das was? Das Metaverse. Der Ort – Achtung der aktuellen Nachrichtenlage geschuldeter Zynismus – an dem Flüchtlinge und Geflüchtete ganz virtuell sicher, sauber und satt sind. Vgl. noch mal Tech isn’t fixing humanity’s biggest problems.

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Natürlich ist es faszinierend der Argumentation „Real is just electrical signals interpreted by your brain“ zu folgen. Allerdings ist dieses hypothetische Auswälzen und Ausprobieren im Sinne eines Möglichkeitssinns, der über den Wirklichkeitssinn obsiegen mag faszinierend, wenn man gelangweilt auf der Chaiselongue fläzt. Oder sehr viel Geld an der West-Küste der USA verdient. Schnell weg hier.

Asking why VR in 2015 is like asking why the Internet in 1996

Nebenan an bei TED, deren Videos sich auch langsam immer mehr anfühlen wie geheime Messen für Auserwählte des technikoptimistischen Arms von Scientology, gibt es einen Kurz-Talk von Chris Milk, der u.a. bei VRSE mitmacht, einem sich derzeit rasant entwickelndem Content-Produzenten von linearen VR-Produktionen.

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Sein Talk heißt How virtual reality can create the ultimate empathy machine. Bei dem Begriff ultimate sollte man eigentlich immer vorsichtig sein. Egal. Eine perfekte Show. Es wird geboten: Der Junge der schon immer einen Traum hatte. Am Ende sehen wir dieses Bild mächtiger weißer Politiker denen ganz sicher heiße Tränen der Rührung unter den schwitzigen Brillenrändern entlanglaufen. Schließlich haben sie ein VR-Video von Milk gesehen, der in einem Flüchtlingslager gedreht hat. Sie werden die Grenzen aufreißen und den Lauf der Geschichte ändern. Danke ultimative Empathie-Maschine.

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Es gibt noch sehr viele Bereiche die wir verbessern müssen, schließt Michael Abrash. Er meint das vor allem technisch. Er meint die Performance. Zur Manipulation des Gehirns. Er redet von einem Metaverse. Wie wäre es, wenn wir vorher noch eben versuchen unseren bescheidenen kleinen Teil des Universums ein wenig zu verbessern, bevor wir uns an das Ausgestalten eines „collective virtual shared space“ machen created –Zitat – by the convergence of virtually enhanced physical reality and physically persistent virtual space, including the sum of all virtual worlds, augmented reality, and the internet. #refugeeswelcome