Der Tag an dem ich das Interesse an Rafaël Rozendaal verlor

By Marcus on 26. August 2015 — 3 mins read

Der Tag an dem ich das Interesse an RR verlor war ein Mittwoch. Einige Jahre lang fand ich RR gut, schaute mir seine Sachen gerne an, auch wenn ich seine Haikus meist schrecklich, seine dokumentierten Reden bisweilen schwach und seine Anzüge affektiert fand. Seine Seiten – RR ist ein so genannter Internet-Künstler, der das Wort Internet auf der inneren Unterlippe tätowiert hat, dessen Werke am Times Square zu sehen waren und der mal mehr und mal weniger interaktive Internetseiten gestaltet  – sind von unterschiedlicher Qualität.

Es gibt Leute die mir sagen, sie hielten sie maximal für bessere Bildschirmschoner. Mag sein, dass das auf einige Seiten zutrifft, aber es gibt darunter einige, die für mich mehr sind als hübsche Spielerei. Vor allem die Arbeiten aus den Jahren 2013 und 2014 finde ich gut.

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YesNoif entfaltet einen angenehm eisigen Sog – Gletscherspalten, Horizont, Flugsimulator, Splitter, Risse und ein Ankommen im Verlauf. NeoGeoCity war für mich immer eine Reflexion der Großstadt. Ein beruhigender Gegenentwurf mit eskapistischen Tendenzen ins Abstrakte. Wenn ein VR- First Person Flug mit dem fliegenden Auge, dann bitte in diesem präzisen endlosen geometrischen Raum.

Abstraktion dann allerorten mit AbstractBrowsing, einer Chrome Extension, die weit über die Anfang 2013 veröffentlichte TextFreeBrowsing Extension hinausweist. Ist letztere eine programmiertechnische Spielerei mit vorhersagbarem Ergebnis, ist erstere ein visuelles wie inhaltliches Statement, das RR mit einer gewebten Teppichversion einer abstrahierten Seite aus dem Feld jenseits des Glasbildschirms holt. Jede Farbe, jedes Feld steht für darunter verborgene Inhalte, die sich auf Anhieb nicht komplett dechiffrieren lassen, aber eine Bedeutungsebene jenseits des Textes beibehalten. Was hieße das nun im Umkehrschluss, wenn wir den klassischen gewebten Teppich an sich, als von Macherinnen und Machern bewusst codiertes Produkt lesen würden?

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Ähnlich geht es mir mit der inzwischen 10 Jahre alten Arbeit PleaseTouchMe. Zehn Jahre nach einem Cyberhandschuh-Hype und zehn Jahre vor dem aktuellen VR-Hype (und zwei Jahre vor dem ersten iPhone) reflektiert die digitale blaue Bildschirmhand Sinn und Zweck des Touch-Interfaces und ganz generell des Diesseits und Jenseits des Screens. Ein Diskurs den James Bridle 2011 mit Waving at the machines noch mal anders angegangen ist. Man berührt mit der Maus eine digitale Hand auf dem Screen und biegt vorsichtig Finger zurück. Spielerisch, reduziert, maschinell kühl, gruselig und freundlich zugleich. Hang Loose, Fuck Off, Top. Alle Fingervariationen sind drin. Ein abstrakter Kommunikationsversuch?

Die gestern veröffentlichte Website von RR heißt trash loop. Es handelt sich hierbei um die erste auf seiner Seite veröffentlichten Arbeit des Jahres 2015. Ich persönlich halte die Arbeit für eine seiner schwächsten. Sie ist einfallslos und beliebig. Als Nutzerin oder Nutzer kann ich einen zusammengeknüllte Papierkugel (trash) in einen Mülleimer fallen lassen aus dem diese nach kurzer Zeit herauskatapultiert wird. Das ist in etwa so lustig wie einige Haikus von RR, nämlich gar nicht.

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Ein lahmer Scherz in verlaufendem pseudo-3dimensionalen Raum. C´est tout. Es ist vorbei. The Time Has Come. Das alles wird Auslaufen, sagt mir mein Bauchgefühl. Auslaufen – wie die Website EpiclyLaterd (letztes Foto: ein Hundesarg) oder wie die Band Phoenix (letzte Single: Trying to Be Cool). Danke für alles, u.a. auch das hier, aber ich möchte mich in Zukunft von anderen Dingen inspirieren lassen. Bye Bye.

Welchen Stellenwert RR´s Websites in den Übergangsjahren (2001 – 2015) von statischem Internet, Social Media, Mobile, VR usw. haben werden? Einen Platz neben net.art der ersten Generation. Einen Platz in zukünftigen historischen Internetart-Artikeln mit Verweis auf die Produktionsmittel am Anfang des 21. Jahrhunderts. Denn auch in der postindustriellen Gesellschaft greift der Künstler von Welt auf Mitarbeiter zurück. Extensions und zahlreiche Seiten des Internet-Künstlers RR hat REINIER FEIJEN programmiert.