Das Internet wird uns vergessen

By Marcus on 23. Juni 2012 — 6 mins read

Kleiner Einwurf zur elenden „Das Internet vergisst nie“-Debatte. Sehr rougher Rough Cut…


Ich bin der Archivar. Das singt Schorsch Kamerun in dem Lied „Der Archivar“. Veröffentlicht wurde es 1996 auf dem Album „warum Ändern schlief“. Ich erinnere mich noch halbwegs an die cd-Abteilung in der obersten Etage eines Kaufhauses in P. Es war die Zeit von cd-Abteilungen und cd-Abspielstationen. Da stand immer eine Art Barmann hinten einem zusammengezimmerten Tresen, dessen Aufgabe es war die passenden Compact Discs zu den hingelegten Plastikhüllen rauszusuchen und in einen cd-Player zu legen. Als potentieller Kunde hatte man nämlich nur Zugriff auf ein sehr begrenztes Repertoire von Funktionen des cd-Players. Meist konnte man Titel nur weiterskippen, war man am Ende einer cd angelangt, musste man die Aufmerksamkeit des meist arroganten und entnervten Verkäufers auf sich ziehen, um sich die nächste cd des halbhohen Stapels einlegen zu lassen.


Der Verkäufer hatte natürlich gleich gesehen, dass man hier her gekommen war, um sich einfach nur kreuz und quer durch einige Jahre Popmusik zu hören, um einen weiteren Nachmittag an einem weiteren Tag rumzukriegen und nicht annährend daran dachte, hier Geld zu lassen. Schließlich gab es den günstigeren cd-Verleih eine Straße weiter, wo man – wenn man es halbwegs geschickt anstellte – auch noch relativ gefahrlos die eingelegten cd-Pappbüchlein klauen konnte, die dann später irgendwo im Kinderzimmer rumlagen, verstaubten und irgendwann wie nahezu alles im Müll landeten, während der langhaarige Besitzer des cd-Verleihs einige Jahre später natürlich auf einem unermesslichen Berg zerkratzter cds sitzen blieb, die cd-Player wollte auch niemand mehr; was um alles in der Welt macht er heute?!

Ab hier wird es konkreter

Johnny Häusler forderte irgendwann mal vor geraumer Zeit – wenn ich mich Recht erinnere – das Recht auf Vergessen im Netz und schlug Internetseiten vor, deren Schrift nach und nach verblassen solle. Als ob man in diesen Zeiten der Flüchtigkeit explizites Verschwinden fordern müsse. Es geschieht sowieso. Nur weil derzeit jeder und jede aufgeregt zukunftstrunkend vorantaumelt oder den Kopf in den Sand steckt und seufzend um ein analoges Gestern weint, bemerkt niemand, dass das Internet uns vergessen wird. Schuld daran sind – wie immer – die Menschen und nicht die Maschinen, denn Maschinen sind an gar überhaupt nichts schuld.

Das erste Mal bemerkte ich das Vergessen, als ich einen Nachmittag lang meine erste Internetseite suchte und nicht mehr fand. Zusammengebastelt mit einer sehr frühen Version des Programms Dreamweaver hatte ich Anfang des Jahrtausends in einem Studiengang mit dem Phantasienamen „Historisch-kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung für Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler“ ein buntes Machwerk angefertigt, inklusive Begrüßungsseite („Treten Sie ein“) und einigen ärmlich zusammengeklaubten Zeilen JavaScript, die den drei Besuchern der Site in einer zweizeiligen Textausgabe mitteilten welchen Browser sie da gerade benutzten, nur für den Fall, dass ihnen das gerade entfallen wäre.

Diabolisch dreinblickend

Die Site ist weg. Für immer. Daran ist nicht das Internet schuld, sondern irgendein Systemadministrator, der auf dem Uniserver aufgeräumt hat. Die Festplatte auf dem die Urversion der Site liegt, habe ich zusammen mit dem Rest des PCs in einem Anfall von Wahnsinn während eines Umzugs komplett mit Maus, Keyboard und Kabelsalat in die Mülltonne vor dem Haus gestopft. Ganz vielleicht eventuell lebt dieser Rechner ja noch in einem kleinen staubigen Laden eines beliebigen afrikanischen Landes, wo zwei junge Nerds den Kopf ob der Verschwendung westlicher Industrienationen schütteln und sich sonst über gar nichts wundern. Dieses Szenario ist allerdings eher unwahrscheinlich und nur der Kenntnis eines Weltspiegelbeitrags von vor einigen Jahren geschuldet. 

Es ist eher unwahrscheinlich, dass ein diabolisch dreinblickender Mensch uns schadenfroh mit unbedachten digitalen Äußerungen längst vergangener Zeiten konfrontieren wird, während er behände durch fremde Friendster- und Myspace-Profile scrollt, um dann auftrumpfend an einem staubigen Twoday-Eintrag aus dem Jahr 2006 hängen zu bleiben.

Explodierende Berge

Ich möchte hier keinesfalls verharmlosend in eine Richtung argumentieren, die Mark Zuckerberg recht idiotisch vor kurzem mit einem „Wer nichts zu verstecken hat, hat auch durch Transparenz nichts zu befürchten“ eingeschlagen hat. Fakt ist allerdings auch hier: Wer etwas professionell zu verbergen hat, der verfügt in aller Regel auch über die entsprechenden Kenntnisse, wie dies zu bewerkstelligen ist. Ohne dies weiter zu vertiefen, sei hier kurz an die traurige Kinderpornostopschildundsoweiterdebatte  erinnert. Für alle anderen empfiehlt sich ein sofortiger Konsum der HBO-Serie „The Wire“, allein um sich die Sache mit den Mobiltelefonen anzugucken. Und natürlich sollte die Kulturtechnik des bewussten Einsatzes von Technologien gelehrt und gelernt werden.
  
Das Problem allerdings ist nicht das Verbergen von Informationen aus der sich immer weiter ausdehnenden Vergangenheit, sondern das Archivieren und Auffinden dieser Informationen. Das liegt nicht so sehr an dem immer weiter explodierenden Datenberg, der durch das aktuelle Apple-Clon-Patent (*) ggf. noch verwirrender wird, sondern – noch mal – an menschengemachten Problemen. 

I don´t mind if you forget me

Ich habe heute versucht all meine jemals abgesetzten Tweets zu archivieren. Auf Papier ausdrucken wollte ich sie, versehen mit einem Umschlag, um mit der Hand stolz darüberzustreichen, um danach das Buch mit auf den Stapel zu legen. 4634 Tweets sind es. Leider kann Twournal, ein Dienst der aus Tweets Bücher generiert, nur auf die letzten 3200 Tweets zugreifen. Das ist eine willkürlich gesetzte Grenze von einem Menschen der an einem Computer saß und bestimmte Interessen verfolgte.

Das klingt jetzt alles nicht wirklich dramatisch. Es handelt sich um Tweets und um eine alte Internetseite, nicht weiter schlimm, aber dabei wird es nicht bleiben. I don´t mind if you forget me, heisst es trotzig in einem Lied. Ärgerlich aber, wenn man sich nicht mal selber an Sachen erinnern oder diese nicht mehr finden kann, wenn man es aber doch ganz unbedingt gerade will.

Erinnerungsvermögen 

Anders argumentiert: Wenn man alle kleinen digitalisierten Äußerungen der vergangenen Jahre gebündelt präsentiert bekommt, haut einen das – im positiven Sinne – um. Der Dienst Memolane (* via Kixka) kann so etwas im Ansatz. Habe mich da gerade kurz durch meine persönliche Timeline aus Facebook, Twitter, Instagram, Foursquare und Tumblr-RSS durchgescrollt. Das war toll, weil favorisierte Tweets da ebenfalls erschienen, inklusive angehängten Bildern, weil sich Querverweise und Bezüge ergaben – ein kleines privates Referenzgewitter, ein ausgelagerter Teil des eigenen Erinnerungsvermögens. Chance oder Fluch – das sollen selbsternannte Experten auf zahllosen Panelveranstatungen mit gleichnamigen Untertitel herausfinden.

Nötig sind aber – so oder so – dauerhaft funktionierende Standards und offene Schnittstellen. Von Menschen gemacht und angewandt. Diskutieren Historiker derzeit eigentlich technische und gesellschaftliche Lösung zur Archivierung sozialer Netzwerke? Gibt es mehr Web-Aufbewahrung als das Web Archive? Kann man da auch drauf zugreifen? Und – wie bekomme ich Zugriff auf das Twitter-Archiv der Library of Congress? Fragen über Fragen. Mit denen ich mich auch noch nicht richtig auseinandergesetzt habe.

Ende

Die cd von Schorsch Kamerun ist übrigens weg. Ich glaube, sie wurde aus einem aufgebrochenen Kellerraum geklaut. Wenn ich will, kann ich dieses Lied aber jetzt sofort im Internet kaufen und auf allen digitalen Geräten verfügbar machen. Eine Möglichkeit, die ich nicht mehr missen will, weil sie – generalisierend – fast so toll ist wie Penicillin. Das Internet vergisst nur nie, wenn es digitale Kopien gibt und die Server weiter leise surren. 

Update

* Text hier plus Verlinkungen bei Rivva. Thx!
* Neunetz: Ein deutsches Archive.org ist praktisch unmöglich 
* FAZ: Am Boulevard der toten Links 

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