Brutalismus

By Marcus on 20. Mai 2016 — 2 mins read

Zurück zum Beton. Sichtbeton. Denn der bietet die perfekte Oberfläche für Mixed Reality Visionen. Oder nicht?

Brutalismus. Béton Brut. Überall. Die St. Agnes Kirche Johann König Galerie. Antoniuskirche Basel 1925. In Computerspielen. Im Schaufenster des bescheuerten Magazinladens am Rosenthaler Platz liegt ein Bildband. Dazu läuft Unknown Pleasures von 1979. Auch nur denkbar auf einem endlosen Betonparkplatz. Und jetzt auch noch Internetseiten.

In einer Epoche in der dank Mixed Reality Anwendungen jede und jeder eine ganz eigene Oberfläche, den eigenen Weltentwurf flugs über die Realität da draußen werfen kann, wird eine glatte Oberfläche aus Sichtbeton zum Ideal. Zurück zum Beton.

In dem bisweilen inhaltlich ein bisschen bemühten, aber visuell attraktiven Konzept-Video Hyper-Reality von Keiichi Matsuda kriegt man einen ganz guten Überblick wie eine individuell angereicherte Umgebung durch irgendeine Art von Head Mounted Display gesehen, wirken könnte. Überladen.

Bis zur Minute 4:01. Server abgestürzt. Display kaputt. Und für einen kurzen Moment, genau so lange bis der Server wieder hochfährt, die Verbindung wieder da ist, sehen wir die traurige kleine Welt der Dinge und Objekte in der Wirklichkeit 1.0, die man – schon sehr super – bei Google als RR für Real Reality bezeichnet.

Wenn man sich im Moment anschaut, wie sich Anbieter von Betriebssystemen, Content und Anwendungen die visuelle Gestaltung – nach dem Multi Screen wie wir in kannten – vorstellen, fällt einem erst mal auch nichts mehr ein. Da gibt es (in der Gear VR) die Abbildung des Wohnraums einer Villa auf einem Hügel, gestern (bei der Google IO) einen Low-Poly Wald und in der Netflix VR App allen Ernstes die Möglichkeit sich seine Lieblingsserie aus der Sicht einer Maus in einer Blechbüchse anzuschauen. Cute. Willkommen in den neuen Anfangstagen der Wallpaper und Bildschirmhintergrunddownloadseiten.

Noch ist niemand mit einem Entwurf um die Ecke gebogen, der den neuen Gegebenheiten gerecht wird. Noch fehlen die Metaphern, die Verortungen und die Vorbilder für einen Raum der an den Rändern nicht mehr abbricht und endet, sondern weiter geht, immer weiter. Im Kreis oder bis zum Rand der VR-Erfahrung, der Drahtgitter-Kuppel mit dem Namen, den ich ständig vergesse.

Mein Bildschirmhintergrund in 2D ist natürlich grau. Wie Beton. Sichtbetonklasse B4. Besonders hohe Anforderungen. Für die repräsentative Bauteile im Hochbau. Und die Umgebung für 3D?

Müsste ein endloser leerer Parkplatz sein. Es würde regnen und ein leichter Wind gehen. Jegliche zu verrichtende Arbeit würde in einem weißen Quadrat stattfinden, einer Art in den Raum gestanztem Loch. In das man natürlich greifen könnte, um Dinge herauszuholen. Einen gesichtslosen Bot oder die pulsierende Abbildung eines Pulsars im Sternbild Vulpecula (Füchschen) bei Rektaszension. Beton auf Beton. Schicht für Schicht, sammelt und stapelt sich – von selbst herum um mich.

Weil das jetzt mittenmang verloren ging etwas: Finde die Brutalist Websites im Moment sehr schön: In its ruggedness and lack of concern to look comfortable or easy, Brutalism can be seen as a reaction by a younger generation to the lightness, optimism, and frivolity of today’s webdesign.

Update
Brutalism, because words no longer have meaning, is apparently a big trend in web design.

Update Update
Béton: The history of a concrete-clad utopia 02.09.2016
Beton brutal 10.09.2016

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