Blue Eyes

By Marcus on 25. Januar 2014 — 2 mins read

Einmal im Jahr ist Global Game Jam. Eine weltweite Veranstaltung bei der sich Game Designer, Programmierer, Graphiker, Sound Artists und andere versammeln, um in 48 Stunden ein Spiel zu einem vorgegebenen Thema zu erstellen. Eine zeitlich begrenzter Spielplatz, um gemeinsam oder allein Dinge auszuprobieren, die mal klappen, mal nicht klappen und bei denen manchmal etwas Interessantes oder etwas Uninteressantes rauskommt. 2011 hab ich mal mit anderen ein kleines Disco-Game zur HIV-Thematik gemacht: H.I.V. Extinction 1981. 2013 ist WORKOUT herausgekommen.

Das vorgegebene Thema, das am Freitag nachmittag bekannt gegeben wurde, lautet: „We don’t see things as they are, we see them as we are.“ Das lässt viel Spielraum. Und erinnerte mich zumindest direkt an einen Satz den ich mal irgendwo bei Marcel Proust aufgeschnappt habe: Die wahren Entdeckungsreisen bestehen nicht darin, neue Landschaften aufzusuchen, sondern neue Augen zu haben.

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Ergänzend zu dem Thema gibt es immer diverse so genannte Diversifier. Einschränkende Regularien, die die Gamegestaltung erschweren oder befeuern sollen. Der erste auf der Liste war dieses Jahr für mich persönlich direkt sehr toll. Back to the 1885:The game could have been built and played in the 19th century. Nach ein bisschen Recherche fand ich heraus, dass Schreibmaschinen wie die Remington No.2. in den Schreibstuben des Jahres 1885 bereits durchaus üblich waren und natürlich, dass Marcel Proust da 14 Jahre alt war. Der Rest ergab sich dann relativ schnell von alleine.

Schreibmaschinen sind schon mal super. Die Tastatur sieht genauso aus wie bei einem etwas älteren PC ohne Touch Interface. Erstaunlich nur wie physisch anstrengend und laut die Bedienung einer Schreibmaschine ist. Ich wurde allen Ernstes aus dem Cafe des Cologne Game Lab vertrieben, weil das Tippen auf einer mechanischen Maschine dem Kaffee verkaufenden Hipster mit Sick of it all T-Shirt „zu laut und zu nervig“ wurde.

Der Rest de Gamegestaltung oder vielleicht besser der 2-Player Experience ist vermutlich eine direkte Folge von irgendwann mal zu viel Abramovic/Ulay anschauen. Die formale Ausgestaltung der 70er-Jahre Performances, das Aufstellen und quasi Abarbeiten von Regeln finde ich faszinierend.

Also ungefähr so: Zwei Spieler betreten einen Raum, setzen sich gegenüber an einen Tisch, vor sich befindet sich jeweils eine Schreibmaschine mit einem eingezogenen Blatt Papier. Der Spielleiter verliest nun im Verlauf von einer Minute die 13 Regeln des Spiels. Es darf nicht gesprochen werden. Die Spieler müssen sich in die Augen schauen. Nach einer Eingewöhnungsphase bekommen beide Spieler einen versiegelten Umschlag. In diesem befindet sich eine Aufgabe. Beide Spieler tippen nun etwas auf ihr Blatt, entnehmen dies der Maschine, falten es und reichen es dem Mitspieler. Dieser darf die getippten Worte nur ein einziges Mal lesen und muss den Zettel direkt danach verbrennen. Beide Spieler dürfen nun gehen. Beide sind angehalten nicht über Gelesenes oder Geschriebenes zu sprechen. Pretentious? Vielleicht. Mir doch egal.

Im geschützten Spielraum, einer Art Magic Circle, der aktiv betreten und aktiv verlassen wird, spielt sich eine nicht reproduzierbare Begegnung ab. Wildfremde Menschen lernen sich hier kennen, kommunizieren und hinterlassen etwas nicht Sichtbares. Ein Anstoß. Vielleicht neue Augen. Vielleicht auch nicht. Da das Ganze sehr viel mit Augen zu tun hat, heißt das Spiel „Blue Eyes“. Das bezog sich zwar eigentlich auf ein Lied von Destroyer. Aus unklaren Gründen, drängte sich aber Elton John auf.

Das Spiel ist nun bereits nach 24 Stunden fertig. Es ist überall nachspielbar. Statt Schreibmaschinen kann man auch einfach Stifte nehmen. Und statt die Zettel zu verbrennen kann man sie auch einfach aufessen. Instruktionen für den Spielleiter sende ich gerne per Mail. Sie sind natürlich geheim.

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