Autonomous sensory meridian response

By Marcus on 13. April 2016 — 3 mins read

Watching somebody attentively execute a mundane task such as folding towels. Ein Versuch in digitalem de-stressing mit DJ Koze in Wien.

Am Sonntag las ich von Autonomous Sensory Meridian Response (*) in einem Artikel des Magazins 032c, in dem ein faszinierendes Video von Pinar & Viola vorgestellt wurde. ASMR is a euphoric experience characterized by a static-like or tingling sensation on the skin that typically begins on the scalp and moves down the back of the neck and upper spine, precipitating relaxation. Ausgelöst, unter anderem und durch Listening to quiet, repetitive sounds resulting from someone engaging in a mundane task such as turning the pages of a book oder noch viel besser: Watching somebody attentively execute a mundane task such as folding towels. Jemandem dabei zuschauen wie er Handtücher faltet. Handtücher.

Das gepriesene Digital de-stressing funktionierte kurz (mit Kopfhörern), kribbelte und war wenige Stunden später längst vergessen, als ich um 4:15 aufwachte, das Haus um 4:20 verließ und dabei begann das Lied DJ Koze feat. Caribou – Track ID Anyone? zu hören. Ich habe noch nicht wieder damit aufgehört. Dann geschah ungefähr das hier:

Welt, Tagesspiegel, FAZ, Stern, APuZ überflogen. Americano. Der Mann mit dem blauen Anzug. Biotherm. In der FAZ eine Besprechung von Liza Lims in Köln aufgeführter Oper „Tree of Codes“ nach Jonathan Safran Foer, der auf Bruno Schulz‘ Kurzgeschichten-sammlung Die Zimtläden zurückgreift. Aus dieser schnitt Foer den Großteil der Wörter aus, selektierte und löschte, trug versteckte, unbewusste Bedeutungen der Narration zutage.

Wer weiß, was aus Bruno Schulz geworden wäre, wenn er den 19. November 1942 überlebt hätte (*). Ein Meisterwerk der Moderne, ungestümes Vorwärtsdrängen in die unergründliche Wunderbarkeit des Alltags. In diesen Zwillings- und Lügengassen befinden sich auch die Zimtläden, nach denen der Erzähler auf abendlichen Streifzügen – vergebens – sucht. Es sind Geschäfte, in denen „bengalisches Feuer, Zauberkistchen, Briefmarken längst verschwundener Länder, chinesische Abziehbilder, Indigo, Kolophonium aus Malabar, Eier exotischer Insekten, Papageien“ verkauft werden und die offenbar als Symbol für die zerfallende Welt des vergangenen Jahrhunderts stehen sollen (*). Perspektivwechsel, Verschiebung, man geht in einer Straße los und befindet sich plötzlich in einer anderen. Herumirren durch Terminal C, ein schlauchartiges durch Treppen verbundenes Gewirr grauer Container. Dann Wien.

Es könnte wahrscheinlich auch anders sein. Track ID Anyone? Metergroße Plakate, ein überdimensioniertes Zahnarztgrinsen, Zoobewohner, Gebäude, immer wieder Gebäude, dann schließlich Kunst, Turmbau zu Babel. Ein Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven. Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, dann musste es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Mixed Reality. Monday’s alright. Um dann wie hier… Espresso Macchiato, Espresso. Espresso, Espresso.

Mit 17 Jahren kehrte er nach Lissabon zurück und führte dort bis zu seinem Tod eine äußerst unscheinbare Existenz als Handelskorrespondent. Er schrieb für die Truhe. Sein literarischer Nachlaß, der 27543 Manuskripte umfaßt, enthält Lyrik, dramatische Skizzen, politische, soziologische und essayistische Schriften. Immer auf der Suche nach einem Satz, der mehr sagt als du weißt. Alles wird gut (*). Denn wer bei seinem Tode einen schönen Vers hinterläßt, hat Himmel und Erde bereichert und den Grund für das Vorhandensein von Sternen und Menschen in ein stärker gefühltes Geheimnis erhoben(*).

Dann begannen Fernando Pessoa, Jörg Fauser, Philippe Djian und DJ Koze mittels Wikipedia-Zitaten eine wüste Debatte mit ungenauem Ausgang:

Pessoa: I know not what tomorrow will bring (*)
Djian: Schreibe als ob jeder Satz dein letzter sein könnte (*)
Pessoa: Kommt mir nur nicht mit Schlussfolgerungen!
DJ Koze: It all seems normal.
Jörg Fauser: Ja.