Arbeit und Struktur

By Marcus on 5. Dezember 2016 — 6 mins read

Was ich 2016 so gemacht habe. Eine Übersicht. Inkl. Virtual Reality, Mobile Reporting, Games und Highlights in kursiv.

Irgendwann im Herbst lief mir Jochen Distelmeyer genau drei mal über den Weg. Das erste Mal schlenderte er am Hauptbahnhof auf einem Gleis im Untergeschoss herum. Er trug eine blaue Jeans und eine blaue Jeansjacke und eine Brille mit dünnem Gestell und schaute auf die Anzeigentafel. Wenige Tage später sah ich ihn auf der Kollwitzstraße. Er hatte exakt das gleiche Outfit an und wenige Tage später sah ich ihn noch mal im kleinen, engen blöden Edeka am Kollwitzplatz wo er gerade eine bereits geviertelte Papaya einpackte. Dabei pfiff er leise den Blumfeld-Song Eine eigene Geschichte, was natürlich nicht stimmt, aber so gut gepasst hätte. Ich hätte mit glockenhellem Sopran eingestimmt, hätte die Digitalgeräusche der Kasse übertönt und die Leute hätten sich ein wenig gewundert was das denn jetzt schon wieder solle: Eine eigene Geschichte / aus reiner Gegenwart / sammelt und stapelt sich / von selbst herum um mich / während ich durch die Gegend fahr.

Kleine Highlights des Jahres: Newsgames Panel auf dem Global Editors Network Summit in Wien. VR Journalism Workshop bei der 9th International Conference on Interactive Digital Storytelling an der USC in Los Angeles. Und unser VR Journalism Hackathon an der MDH in Berlin, zusammen mit Deutsche Welle und dem Center for Investigative Reporting. Dazu eine Erwähnung im Nieman Storyboard der Harvard University. Und jetzt noch mal thematisch aufgedröselt.

Virtual Reality

2015 habe ich dazu ein bisschen was gelesen und geschrieben und Ende des Jahres mit Vragments an einem ersten Prototypen gearbeitet. 2016 bin ich dann gleich Teil des Startups geworden. Offiziell kümmere ich mich da in Teilzeit um Business Development, unterstütze das Team aber auch in Sachen VR Storytelling, Produktentwicklung, Workshops und so Zeugs. Wir haben 2016 eine erste und zweite Finanzierungsrunde durch die Google News Initiative sichern können und arbeiten zu fünft an einem webbasierten Content Management Systems für journalistische VR Produktionen. Das ganze heißt Fader und läuft prototypisch seit wenigen Tagen.

2016 haben wir neben der Produktentwicklung an einigen Projekten gearbeitet, u.a. einer VR-Anwendung für die Berliner Verkehrsbetriebe. Wir haben jetzt ein neues Logo und die Grundzüge einer CI (Danke Aleks). Wir waren bei einer Reihe von Veranstaltungen (Schnittchen im Hotel de Rome) und haben selber eine ganze Reihe von Veranstaltungen veranstaltet. Zum Beispiel einen VR Popup in der Oranienstraße zusammen mit dem Center for Investigative Reporting mit denen wir zusammen auch eine größere VR-Story umgesetzt haben. Ich hab mich vor allem um den ersten VR Journalism Hackathon gekümmert, den wir an der Mediadesign Hochschule veranstaltet haben

Ansonsten sind wir noch als Kultur- und Kreativpiloten Deutschland von der Bundesregierung ausgezeichnet worden. Ähm, genau wie the Good Evil vor drei Jahren auch. Und wir waren alle zusammen in San Francisco und Los Angeles, wo wir GoPro, Mozilla, das CIR und die USC besucht haben. Linda Rath-Wiggins und ich haben dann noch einen Workshop bei der 9th International Conference on Interactive Digital Storytelling zum Thema „Speed Prototyping VR“ gehalten und dazu eine Art Miniaturpaper geschrieben. Den Workshop haben wir in ähnlicher Form auch beim Media Innovation Day in Wien durchgeführt. Funktioniert gut. Und jetzt? Geht es weiter.

Mobile Reporting

2015 hab ich mehr als 20 Workshops zum Thema gegeben. Dieses Jahr waren es 30. OMG. Und das Thema fasziniert mich immer noch. Zum einen weil unglaublich viel passiert, sowohl auf Soft-, als auch auf Hardwareseite, zum anderen weil die Adaption in den Redaktionen inzwischen erfreulich schnell stattfindet.

Neben dem Handwerkszeug waren es deswegen immer häufiger Formatentwicklungsworkshops die ich angeboten habe – jedes mal anders, individuell und spannend. Persönliche Highlights im Jahr 2016: Ein Workshop für Samsung, ein Workshop im Schloß des Spielautomatenherstellers Gauselmann und die Mobile Reporting Academy, die ich für Puls 4 in Wien durchführen durfte. Daneben altbekannte Kunden aus dem Öffentlich-Rechtlichen und neue Kunden wie RTL, Vice und die Friedrich-Naumann-Stiftung.

2016 habe ich zu dem Thema auf Mobile-Journalism.com geschrieben (u.a. Live: Kleine Chronologie der vergangenen Wochen) und für den vom Deutschen Fachjournalistenverband herausgegebenen Sammelband Journalistische Genre, erschienen bei UVK. 2017 bitte gerne noch mehr Formatentwicklung, Mobile Storytelling, VR, AR, gerne Spectacles, Minidrohnen, Tango und noch mehr. Und hier dann schon mal der Blick nach vorn: Mobile Storytelling 2017.

Games

Ich könnte das Thema Newsgames im Jahr 2016 ziemlich schnell als persönliche und natürlich erstaunliche Erfolgsstory runtererzählen. Im Januar schreibt Rose Eleveth für das Nieman Storyboard der Harvard University einen langen Text über Newsgames und featured the Good Evil und unsere Arbeit in diesem Bereich neben Ian Bogost, ProPublica, der New York Times und der Washington Post.

Im Juni sitze ich mit zwei sehr tollen amerikanischen Journalistinnen auf einer Bühne in Wien und erzähle beim Global Editors Network einem Saal mit mehr als 600 internationalen Chefredakteuren und Medienmachern von den Vorzügen des Genres. „Fantastic session on newsgaming“ steht dann später bei the Media Briefing.

Und noch mitten im US-Wahlkampf denke ich mir im Herbst President Evil aus, ein kleines Newsgame für die ZDF Heute Show, das nicht nur das Wahlergebnis prognostiziert, sondern zugleich auf spielerische Art und Weise einen Ausweg aus dem Schlamassel aufzeigt – man reist einfach via Nanobot in das Gehirn von Donald Trump und räumt da auf.

Mehrere Millionen Menschen spielen President Evil. Nicht. Die Zugriffszahlen, Links, Likes und das generelle Feedback in sozialen Netzwerken sind nicht so superberauschend bzw. nicht existent. Und ganz generell kann ich meine temporäre Hochstimmung zum Thema aus dem Sommer am Ende des Jahres nicht mehr ganz teilen. Zu gering bleibt das Interesse bei Medienmachern und ganz offenbar auch bei der Zielgruppe trotz Fallbeispielen, trotz prozeduraler Rhetorik und trotz Gamification Hype Cycle. Zeit, um mal wieder weiterzuziehen, um das Thema bei der nächsten Iteration unter neuen Vorzeichen noch mal anzufassen. Später.

The Good Evil ist im Laufe des Jahres 2016 noch mal gewachsen. Wir haben mit Simon einen Game Designer mit Technikkenntnissen eingestellt, mit unserer App Tafiti für den Loewe Verlag bei der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Kindersoftwarepreis Tommi gewonnen und als Partner der von der Robert Bosch Stiftung ins Leben gerufenen Masterclass Wissenschaftsjournalismus setzen wir derzeit ein weiteres Spielprojekt um.

2017 werden wir unser Projekt Serena mit dem Wissenschaftsladen Bonn und der Universität Dresden abschließen und mit zwei anderen Konsortiumspartnern ein neues Game Projekt in Angriff nehmen und darüberhinaus haben wir noch so einiges vor. Die Lage am Gamesmarkt ist nach Indie- und App-Hype angespannt – mal sehen wie wir das kleine Schiff 2017 weiter voransegeln.

Und sonst?

Beim Global Game Jam im Januar habe ich zusammen mit Mischa und Ulla ein kleines Museumsgame mit Brain Interface gebastelt. Auch wenn mich das offenbar mehr begeistert hat als die Massen, bin ich sehr froh, dass es jetzt Malewitsch My Mind gibt. Denn am Ende zählt ja doch nur was man gemacht und nicht was man eigentlich schon immer mal vorgehabt hat. Mal sehen ob das noch für irgendwas gut sein wird.

Das Thema Postinternet und ähm Kunst hat mich 2016 umgetrieben. Auf der Jubiläumsausgabe der republica Nummer 10 habe ich einen Talk zum Thema gehalten, mir später die Berlin Biennale angeschaut und die beiden Postinternet-Ausgaben des Kunstforums mit Bleistift in der Hand studiert. VR und AR im Kontext von Kunstproduktion und -rezeption werden mich ziemlich wahrscheinlich auch 2017 noch beschäftigen.

Ende des Jahres war ich nicht nur das erste Mal in meinem Leben an der US-Westküste, um dort die beiden Top Punkte meiner To Do Liste abzuarbeiten (Griffith Observatory und Chateau Marmont), auf dem Flug hab ich einen Text für Edis erste Ausstellung in Berlin geschrieben. Sicher weder klassischer Pressetext, noch begleitender Kunstkatalogtext, aber eine sehr schöne Gelegenheit mal einen wie auch immer gearteten Gebrauchstext zu schreiben.

Es ist der 5. Dezember, das Jahr ist noch nicht mal vorbei. Die restlichen 26 Tage verwende ich darauf herauszufinden, was ich 2017 mal so machen sollte will. Aufräumen und Fokussieren.