An Afternoon

By Marcus on 5. Dezember 2014 — 5 mins read

Zurück im Hotel. Noch 15 Prozent Strom. Ein schwerer grüner Teppichboden und ein Bett für eine Königin. Ich hör mir einen Nachmittag im Boiler Room an. Ein Text in der taz. Und suche Spielzeugläden im Internet. Es ist 2:58.

Ich kannte die W Hotels gar nicht. C. schon. Also fahren wir da hoch in den soundsovielten Stock und werden von einer sehr großen, sehr dünnen und sehr wenig angezogenen jungen Frau mit wallendem Haar und partiell transparenter schwarzer Bluse und sehr dünnen und sehr hohen High Heels nach irgendeiner Reservierung gefragt und dann  – da es offenbar auch eigentlich total egal ist – irgendwohin gesetzt und dann gibt es Cocktails und mittelgutes Knabberzeugs in Reagenzgläsern die in einem Reagenzglashalter stecken – leicht angeschrägt weil das dann Design ist das man in maximal sieben Monaten auch bei Butlers kaufen kann als Geschenk wenn man auf ein spätsommerliches Grillfest eingeladen wird und ein witziges Mitbringsel braucht.

Woobar heißt das hier. A chic and cozy lounge during the day and a stylish, scintillating club by night, plush red sofas and steel sculptures by German artist Hans Schule set the tone for casual sophistication. Und nachdem ich mir jetzt sehr viele möglichen Übersetzungen für das Wort sophisticated angeschaut habe komplexintellektuellelegantkultiviertdifferenziertweltklugausgeklügeltanspruchsvollgehoben weiß ich nicht genau wie ich diesen Begriff mit dem was es da so zu sehen gibt in Übereinstimmung bringen soll. Wie eine Folie mit den richtigen Lösungen die man auf das vollgeschmierte Blatt des Tests legt, stimmt hier einiges nicht, ist verrutscht und passt nicht. Als ich dann schnell Hans Schule google, um mal zu sehen wie sophisticated Hans so ist, lande ich versehentlich auf der Homepage des Förderzentrums Hans-Würtz.
Egal. Weiter. C. fragt dann die andere sehr dünne, fast genauso große, kaum mehr angezogene junge Frau ohne transparente Bluse nach einem Nightclub und sie sagt, dass sie ins Myst geht, dass das der Ort ist wo man hingehen müsse – Tables und Table Dance und alles.

Da wusste ich noch nicht, dass wir etwa 24 Stunden später in diesem Club stehen. In der Garderobenschlange, hinter zwei sehr dünnen, sehr wenig angezogenen jungen Frauen mit Glitter-High Heels, weißem Fake Fur Mantel und Chanel Handtasche von der ich nicht sagen kann ob sie echt ist, aber diese – sagen wir – Mädchen haben das iPhone 6 Plus, also sind die Handtaschen vielleicht echt und die Schuhe teuer und nicht von Bata und ich habe sowieso keine Ahnung, weil ich nicht verstehe wie all diese sehr jungen Menschen hier den Eintritt bezahlen können, wenn der durchschnittliche Monatsverdienst den man im Internet findet auch nur halbwegs stimmt und woher all das Geld kommt, um alle diese Moët & Chandon Flaschen zu bezahlen. Und dann, nachdem wir bereits ziemlich lange in dieser sehr langsam voranschreitenden Schlange Richtung Garderobe vorangeschritten sind – wo die eine der beiden jungen Frauen ihren Mantel dann doch nicht abgibt – geht die Musik aus.

Denn dann gibt es eine Razzia und sehr viele Polizisten mit leuchtend gelben Westen riegeln den ganzen Laden ab, positionieren sich strategisch an jeder Ecke und beginnen dann von nahezu jedem einzelne hier die Personalien aufzunehmen. Ohne Musik, ohne ein einziges Getränk die ab jetzt nicht mehr verkauft werden dürfen und ohne diese Las Vegas Beleuchtung wird aus dem Club Nummer Eins ein komischer Ort der sich so anfühlt, als wenn auf dieser ersten total guten Teenagerparty im Wohnzimmer von S. kurz vor dem Höhepunkt des Flasche-Drehen-Spiels ein Elternteil das Licht anmacht.

Mein Problem gerade sieht wie folgt aus: Ich habe keinen Ausweis mit dabei. Reingekommen bin ich mit dem abgelaufenen Presseausweis von C. Hinhalten und durch. Im Internet stehen Horrorstories von Ausländern die betrunken einen falschen Namen bei der Polizei angegeben haben und danach elendig in Verließen verendet sind oder so ähnlich, auf der Damentoilette – auf der plötzlich sehr sehr viele, sehr sehr jung aussehende Mädchen in beigefarbenen Kleidchen hocken – verstecken, geht auch nicht, also trete ich die Flucht nach vorn an, stehe wieder in der Garderobenschlange und fühle die Freiheit, als ich mit Mantel in Richtung Ausgang eile. Hier stehen natürlich vier Polizisten mit Bodycams, Taschenlampe und so einem Scanngerät und prüfen jeden Einzelnen der das Etablissement verlassen will und was soll ich machen ich strecke dem Polizisten rechts von mir den abgelaufenen Presseausweis von C. entgegen und ich bin raus und ich verlaufe mich noch ein wenig und dann bin ich da.

Bildschirmfoto 2014-12-06 um 02.53.16

Ein bisschen früher in einem Imbiss mit dem vielversprechenden Namen Hong Kong in dem wir in frittierten Kugeln herumstochern bis eine Art Flüssigei-Mangofüllung heraustritt und sich ihren Weg durch die Kokosraspeln bahnt wie Lava, ereignet sich noch Folgendes: C. fragt den Jungspund neben uns – er isst eine Art French Toast – wo man hier in eine Bar gehen könne und reicht ihm sein gesprungenes iPhone 5, damit dieser auf der Karte zeigen kann, wie wir da hinkommen. Ich hab kein Internet, sagt C. worauf der Jungspund sein brandneues iPhone 6 zückt, behände herumwischt und uns freundlich den Weg zeigt. Die Symbolkraft dieses kurzen Ereignisses fällt uns allen ein paar Augenblicke später auf. Wir spulen zurück und schauen uns das noch mal in Slow Motion an. Wir sind raus. Wir wurden abgehängt. Die weitverbreitete selbstgefällige Hochnäsigkeit des Mittelwesteuropäers wird bald in selbstmitleidiges Gewinsel überwechseln. Wir werden hier weder gebraucht, noch beachtet. Einzig eine ältere lockige Frau mit monströser Brille und Trench und einem Spieß kandierter Erdbeeren möchte auf dem Nachtmarkt einen Tag vorher ein gemeinsames Foto, ihre Freundin geht schon in Stellung, zwei Langnasen nagen an Schweinefleischspießen herum, rechts und links von ihr. Die Dreifaltigkeit. Neben dem Stand mit den unterarmdicken Würsten, prall aufgeblasen bis zum Rand mit Fett angefüllt, bereit zum Platzen wie deutsche Bäuche an spanischen Stränden.

3:50. Nikolaus. Und noch kein Wort über die Menschen in der ewigen Zeitkapsel namens Hyatt, über meine Gesprächspartnerin Graffi, die sich nach Steffi Graf benannt hat deren damals doch überraschende Ehe mit Andre Agassi sie mit Wohlwollen verfolgt, kein Wort über die beiden Drohnen im Himmel über dem Park. Noch 53 Prozent Strom. 3:59. Veröffentlichen.