Ästhetische Gletscherspalten

By Marcus on 27. April 2016 — 3 mins read

Thomas Meinecke schreibt ein 470 seitiges Buch über Ryan Trecartin, aber eigentlich wildert er bei der Webserie Translantics und dickt den Rest mit Vokabeln an. Warum eigentlich?

In der Kunsthalle Wien gibt es derzeit eine Ausstellung, Moment ich korrigiere, ein Projekt namens L’Exposition Imaginaire zu sehen. Ich habe heute morgen im Standard einen Artikel zum Thema überblättert, weil mir das illustrierende Bild dazu nichts sagte und dann eben via Perlentaucher den Text gelesen, die schöne Internetseite der Kunsthalle angeschaut und dann 47 Minuten lang dem deutschen Schriftsteller Thomas Meinecke dabei zugehört, wie er aus seinem im Herbst erscheinenden Buch Selbst liest. 55 Aufrufe bei YouTube.

Meinecke hat ein Buch über Ryan Trecartin geschrieben, so eine Art Kunstwelt-Wonderboy, der – um genau zu sein vor einigen Jahren – meinungsstark bei Leuten die sich für Kunst oder das Internet oder beides interessieren oder zumindest so tun, durchgereicht wurde. Andere haben sich zu dem Thema und zur Person Trecartin geäußert, aber bislang ist niemand – vielleicht zu Recht – auf die Idee gekommen, diverse fiktionale Charaktere seitenlang über Trecartin und anderes reden zu lassen. Meinecke macht das.

Und bereits bei der Einführung der beiden Hauptcharaktere Sirius und Venus, zwei  – Zitat –  „androgynen Models die Modestrecken für Musikmagazine produzieren oder darin staren“ gibt er einen Ton vor, den ich Ende der 1990 in seinem Buch Tomboy gut fand oder als Spex-Leser vielleicht auch eher gut zu finden glaubte oder gut finden wollte, eine Mischung aus bestimmten Vokabeln die aneinandergereiht akademisch, belesen, popkulturinteressiert oder aber auch artifiziell, leer und bemüht wirken, und eigentlich, bietet Meinecke dann – zumindest in dem ersten Teil seines gelesenen Buchausschnitts – nicht mehr und nicht weniger als eine paraphrasierte Zusammenstellung zahlreicher modifizierter Momente der Serie Translantics von Britta Thie, die Meinecke – als Popkulturinteressierter natürlich kennt, aber zumindest in der Lesung nicht darauf verweist, obwohl er doch sonst immer alles beim Namen nennen muss.

Schließlich tauchen – mal wieder –  u.a. auf: Bruce La Bruce, Kraftwerk, John Waters, Matthew Barney, Cindy Sherman, Judith Butler, Michel Lacroix, Elfriede Jelinek, Walter Benjamin, Nietzsche, David Lynch. Check.

Die beiden Protagonistinnen scrollen und mailen in elektronischen sozialen Netzwerken. Es gibt performative Verschiebungen. Es gibt Gerald und Martin. Ein Sonnenuntergang ist eine Stereotypie. Es wird getwerkt, queere Performances werden heteronormativ durchkreuzt, die Bässe glitchen, rohe Edits, Self-Awareness, urbanes Denken. Das Wort Oeuvre. Hashtag Afrogermanic. Wozu eigentlich?

Spätestens in dem Moment in dem Meinecke seine beiden „Models“ vor einem natürlich Neuköllner Club darüber sinnieren lässt, ob drinnen Seapunk oder Vaporwave läuft, stellt sich die Frage wem Meinecke hier eigentlich was erzählen will? Zumindest drängt sich die Frage auf, ob die einzige Motivation des Vokabeltrainings hier der Distinktionszugewinn im Kunst- und Kulturbereich ist, der – die Veranstaltung auf der er liest ist der allerbeste Beweis dafür – sich offenbar schwer damit tut, digitale Phänomene zu verstehen, einzuordnen und darauf zu reagieren. Dabei helfen kann dann, natürlich Meinecke, gleich wird er sich wenig klausuliert feilbieten. Die Figuren seines Romans zitieren ihn, ganz akademisch.

Komisch eigentlich, dass man in der Kunsthalle Wien so bedacht darauf ist ein Projekt und keine Ausstellung zu inszenieren. Schließlich funktioniert Trecartin IMHO so ungleich viel besser, wenn man ihn – wie 2011 – nachts im MOMA PS1 anschaut, während draußen hunderte schwitzende Menschen zu Posaunen herumtanzen und man an dem dicken einsamen schwarzen Wachmann mit der hängenden Hose vorbei auf gewienerten Böden durch das fast leere Museum läuft oder im KW in Berlin 2014, wenn man auf diesen leicht ekligen Flughafensesseln sitzt oder eine der Liegen nimmt und sich anschaut wer hier noch alles ist. Nicht umsonst tagged man Trecartin und andere mit den Begriff Post-Internet, einem Zeitabschnitt in dem die Situation, die Erfahrung und das Erleben eine neue Relevanz erlangt, da das Internet ja eh da ist und inzwischen von der Bedeutung her eher auf der Ebene von Wasser mitspielt.

Statt sich auf einer Bühne Internetvideos anzuschauen und von Kulturphänomenen der jüngsten Vergangenheit vorlesen zu lassen, hätte man gut daran getan Erfahrungsräume zu schaffen – ganz ohne Seapunk. Kulturkritiker Marcus Bösch empfiehlt: Am Samstag Klassenausflug nach Berlin: DECESSION.